Wir sind da. Zum Tod der Genossin Esther Bejarano. Von Markus Mohr

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Wir sind da.

Zum Tod der Genossin Esther Bejarano. Von Markus Mohr

Und Gedanken an und für die Lebenden. Von Wolf Wetzel

 

„Ich sage immer, dass ich heute in Schulen gehe, mit Schülerinnen und Schülern rede, aufkläre,  Konzerte gebe, schreibe, lese und diskutiere: Das ist meine späte Rache an den Nazis. Lasst uns gemeinsam kämpfen! Und ab heute bin ich ein Teil eurer Rache und ihr ein Teil meiner Rache für alle Opfer des NSU und für alle Opfer des faschistischen Terrors!“ (Esther Bejarano, Rede auf der antifaschistischen Demonstration „Kein Schlussstrich“ in Hamburg, Mitte Juli 2018)

Es war in den Abendstunden des 17. Mai 2017 im Schauspielhaus Köln. Eröffnung des Tribunals ‘NSU-Komplex auflösen’. Es spricht zu uns die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano.

Sie spricht klar, deutlich und unmissverständlich: „Wir haben alle die Pflicht Verantwortung zu übernehmen, solidarisch mit den Opfern rassistischer Gewalt zu sein. Und ihnen zur Seite zu stehen. Ich danke dafür, dass ich ein Teil des Tribunals sein kann.“ Und dann bezeichnete Esther unser Tribunal als eine „Rache an den Nazis.“ (1) Das entsprach genau unseren Intentionen. Nach ihrer Rede ergriff Esther das Mikro und sang mit musikalischer Unterstützung Kutlu Yurtseven von Microphone Mafia das jiddische Lied „Mir lebn ejbig“ (2) So hatten wir dem Engagement von Ester Bejarano einen beeindruckenden Auftakt für das erste Tribunal NSU-Komplex zu verdanken.

Etwa über ein Jahr später, Mitte Juli 2018, hielt sie aus Anlass des Urteils des OLG München zum NSU in Hamburg eine Rede. Auch dabei ließ sie es nicht an Klarheit und Präzision in der Beschreibung der nazistischen Sache fehlen, von der sie immer wusste, wie tief der deutsche Staat darin hinein verwickelt ist. Und in keinem Moment ihrer Rede ließ sie es an der Entfaltung einer Vision eines dagegen für eine bessere Welt weiter zu führenden Kampfes fehlen. (3)

Nach dem Massaker Ende Februar 2019 in Hanau mit neun ermordeten Migrantinnen saß bei allen Aktivistinnen des Tribunals ‚NSU-Komplex auflösen‘ der Schock zunächst tief. Ein gelegentlich an den Sitzungen der Berliner Tribunalgruppe teilnehmendes Vorstandsmitglied der Initiative Schwarzer Deutscher (ISD) konfrontierte mich dabei mit der Ansage: „Das NSU-Tribunal hat nichts erreicht!“ Diese Ansage hatte mich verstört. Sicher habe ich dazu etwas differenziert-kluges erwidert. Noch besser wäre aber hier als direkte Antwort gewesen: „Wovon sprichst du denn da? Wir sollen nichts erreicht haben? Wir haben doch in unserer Organisierung in Köln Esther Bejarano erreicht. Und noch besser: Sie hat uns mit ihrem Anliegen erreicht! Und dieses Anliegen ist doch noch lange nicht abgegolten! So sieht es aus!“ Und schon allein dadurch, dank Esther, leben auch wir gegen die, die uns anschwärzen, ewig in jeder Stunde. Und zwar ganz so wie sie es uns mit der ihr eigenen Zuversicht vorgetragen und vorgesungen hat.

Markus Mohr | Juli 2021

Es gibt eine Passage in Esters Bejaramos Rede auf dem 2017 abgehaltenen Tribunal NSU-Komplex auflösen, die den allseits bekannten Satz aufgreift: Wehret den Anfängen:

Esther Bejaranos Rede auf dem Tribunal “NSU-Komplex auflösen” in Köln 2017

Wehret den Anfängen ist nicht mehr aktuell! In Zeiten in denen wieder Unterkünfte brennen, Politiker offen rassistische Äußerungen tätigen, die AfD unter dem Deckmantel der Demokratie gewählt werden darf, aber zeitgleich offen mit Nazis und Rassisten paktiert und Menschen erlaubt, ihre menschverachtende Ideologie des Nationalsozialismus unerkannt zu verbreiten und weiterzuführen, in der bekannt wird, wie sehr die Bundeswehr von Nazis und Rassisten unterwandert ist und dies wieder als neu und Einzelfall abgetan wird, stehen wir nicht vor den Anfängen, NEIN wir sind mittendrin.“

Gedanken an und für die Lebenden.

Meist erreicht man ja nicht die Toten, denen man irgendetwas nachsagt. Es geht um uns, die Lebenden, die (noch) da sind.

Und natürlich möchte man kein Störfeuer in die Trauer reintragen. Aber dann merke ich, dass etwas nicht stimmt, dass es zu glatt ist, was man sagt, was man ihr nachsagt, woran man sich erinnert.

Markus hat das Fazit, das ein Vorstandsmitglied der Initiative Schwarzer Deutscher (ISD) gezogen hat, nicht so stehen lassen: „Wir haben doch (mit dem Tribunal und anderem) nichts erreicht.“

Markus antwortete dem Anlass gemäß würdig und sehr großherzig: „Sie hat uns mit ihrem Anliegen erreicht!“ Mit dem “sie” ist Esther Bejarano gemeint.

Dass das zwei Ebenen, zwei Welten sind, die nicht miteinander reden, spürt man – auch wenn man das Wortspiel mag.

Und selbstverständlich ist man dankbar und erinnert sich gerne daran, wenn Esther Bejarano das Tribunal in die Reihe der Aktionen eingeordnet hatte, die „Rache an den Nazis“ üben.

Nun ja, natürlich ist man gerne bereit, so eine Schmeichelei anzunehmen. Aber stimmt sie wirklich? Hat die Frau von der Initiative Schwarzer Deutscher (ISD) nicht auch ein bisschen, ziemlich viel recht?

Auch an das zweite Statement, das Esther Bejarano formuliert hat, erinnert man sich gerne – voller Ernst und Entschlossenheit.

Wir stehen nicht am Anfang (des Faschismus), sondern mittendrin! Ganz schnell stimmt man zu, fühlt sich wohl, wenn Esther Bejarano den Ernst der Lage beschreibt.

Mittendrin? Ja? Mir ging dieser Zeigefinger nicht aus dem Kopf. Stehen wir wirklich mittendrin? Haben wir die Anfänge (des Faschismus) längst hinter uns?

Man mag die Dramatik, das ehrt jede Form des Antifaschismus. Je länger ich darüber nachdenke, desto schaler wird das Gefühl, das zurückbleibt, das sich breitmacht.

Wenn wir also „mittendrin“ stehen, dann verhalten wir uns doch alle außerordentlich unaufgeregt, also ziemlich außerhalb dessen, was das „mittendrin“ verlangen, von uns fordern würde?

Schnell ist eine solche Feststellung getroffen. Schnell stimmt man ihr zu. Aber ist diese Lagebeurteilung auch richtig?

Wenn wir „mittendrin“ stecken, dann gehen wir doch außerordentlich gelassen damit um. Nichts ändert sich an unserem Alltag, nichts ändert sich an unserer Praxis? Und theoretisch stecken wir im Niemandsland! Was ist Faschismus heute? Kommt die Macht des Faschismus aus der „Mitte“ (der Gesellschaft) oder von der Straße? Sind „Querdenker“ (Halb-)Faschisten und bürgerliche Parteien Demokraten, mit dem ab und an „zusammensteht“ – wie mit einem Bundespräsidenten Gauck bei einem Gedenkmarsch in Köln/Keupstraße oder mit dem hessischen Ministerpräsidenten Bouffier bei einer Trauerfeier nach dem Massaker in Hanau 2019?

Wenn wir „mittendrin“ stecken, dann würde doch auch das Corona-Regime dazugehören? Versteht ihr? „Mittendrin“ sein, würde bedeuten, jetzt erst recht, nicht mitmachen, hieße, nicht etwas für Solidarität zu erklären, was das „mittendrin“ plötzlich so solidarisch macht.

„Mittendrin“ hieße, darüber nachzudenken, alles zusammenzuwerfen, was wir an Wissen, Erfahrungen und Theorien haben. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Je länger ich darüber nachdenken, was es bedeuten würde, „mittendrin“ zu stecken, desto mehr ärgere ich mich über die Gedankenlosigkeit und die Folgenlosigkeit.

Warum ist der Antifaschismus in den letzten Jahren so schwach, so zersplittert, so platt, so kopflos, so gar nicht reizvoll?

Wo war und ist der Antifaschismus, wenn es um NSU, NSU 2.0 geht? Warum greifen so viele die „Querdenker“ als Handlanger des Faschismus an, während man um die Strukturen, die NSU und NSU 2.0 hervorgebracht haben und bis heute tragen, einen großen Bogen macht, gedanklich und ganz praktisch?

Soviel Trauer und Wut um uns Lebende muss sein.

Wolf Wetzel | 12 Juli 2021

 

Quellen und Hinweise:

(1) Esther Bejarano, (Auszug aus der Rede auf dem) Tribunal NSU-Komplex auflösen, Köln vom 17. Mai 2017, URL: https://vimeo.com/232862293 (Ab Minute: 2:30 Uhr)

(2) Esther Bejarano und Microphone Mafia, Konzert (Fusion Festival 2016), Lied: Mir lebn ejbig, URL: https://www.youtube.com/watch?v=1wqFf8-WHXM (ab: Minute: 53:40) Text (Übersetzung Deutsch): „Wir leben ewig / Es brennt eine Welt / Wir leben ewig / Ohne einen Groschen Geld / Allen Feinden zum Trotz / Die uns anschwärzen / Wir leben ewig, wir sind da / Wir leben ewig in jeder Stunde / Wir wollen leben / Und erleben / Und schlechte Zeiten überleben / Wir leben ewig / Wir sind da“

(3) Esther Bejarano, Rede auf der antifaschistischen Demonstration „Kein Schlussstrich“ zum Urteil des OLG München zum NSU am  14.7.2018 in Hamburg, URL: https://www.youtube.com/watch?v=BPffmCdCDj4

 

 

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