„Apokalypse now“ oder „Die Unerträglichkeit des Seins“ Das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Von Emil Goldmann

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„Apokalypse now“ oder „Die Unerträglichkeit des Seins“

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

 Ich bin das Virus. Ich bin ein Konstrukt, eine Erfindung des Autors. Denn ich kann nicht mit Euch kommunizieren. Ich sitze nicht in euren Talkshows, es gibt mit mir keine diplomatischen Verhandlungen, ich gebe keine Interviews und halte keine Reden auf Kundgebungen – und trotzdem bin ich allgegenwärtig. Um ein klein wenig zu erfassen, wer ich bin, benötigt Ihr Spezialist*innen, die Virologie, denn meine Welt, obwohl so nahe, liegt jenseits eurer sinnlichen Wahrnehmung.

Ich habe mich entschlossen zu sprechen, und hoffe, dass Ihr mir zuhört und mich versteht.

 

Meine erste Botschaft ist: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Ihr seid mit 30 % nach euren Nutztieren (67%) die zweitgrößte Biomasse von terrestrischen Wirbeltieren auf diesem Planeten. Nur noch drei Prozent sind Wildtiere, deren Bestand in den letzten 40 Jahren um 58 % geschrumpft ist. Ihr könnt, da einige von Euch intelligent sind, leicht ausrechnen, dass diese Zahlen Argumente für Eure Körper als vitalen Lebensraum für uns sind. Anthropozän, so bezeichnen eure Wissenschaftler*innen treffend das Zeitalter, weil Ihr unter anderem durch die Zerstörung fruchtbarer Böden, der Durchdringung aller weltweiten Nahrungsketten mit Mikroplastik, und letztlich mit der Klimaerwärmung die Ökologie des Planeten nachhaltig und geologisch nachweisbar verändert. Durch die Zerstörung von Natur, den Rückzugs- und Lebensräumen von Wildtieren, durch das Eindringen der Landwirtschaft, des Bergbaus in deren Lebenswelt, verstärkt sich der Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren. Zusätzlich entstehen in der Massentierhaltung neue Erreger, so nennt ihr sie, wie die der Schweinegrippe, SARS und MERS. Billiges Fleisch aus der Ware und dem Rohstoff Nutztier, erzeugt in der automatisierten Massentierhaltung – maximaler Ertrag bei minimalen Kosten – sind Teil eines Akkumulationsmodells, in dem geringe Reallohnsteigerungen durch niedrige Lebensmittelpreise abgefedert werden, das den dominierenden Nahrungsmittelkonzernen hohe Profite garantiert, und in dem die sozialen, ökologischen und gesundheitspolitischen Risiken vergesellschaftet und externalisiert werden. Die Folgekosten für sogenannte multiresistente Keime und Pandemien tragen Verbraucher*innen, Steuerzahlende, die Menschen, die nichts als ihre Arbeitskraft besitzen. Ihr fragt jetzt, ob Ihr selbst schuld an dieser Pandemie seid? In gewisser Weise, denn die gravierenden Umwälzungen, die immense Wirkmacht Eures Handelns bei gleichzeitigem völligem Kontrollverlust über die Konsequenzen und eskalierenden Folgen sind die eigentlichen Triebkräfte dieser und der kommenden Pandemien, die der aktuellen folgen werden. Ihr fragt Euch jetzt vielleicht, ob ich, das Virus, „antikapitalistisch“ bin? Nein, mir ist es herzlich gleichgültig, wie ihr wirtschaftet. Ich beschreibe nur ohne Tabu und Skrupel, was ich wahrnehme. Meinetwegen könnt Ihr noch einen Wimpernschlag lang – denn was ist eure Zivilisation schon im erdgeschichtlichen Vergleich anderes als ein paar Sekunden – alle Ressourcen verbrauchen, den Planeten vergiften und die Natur und euch selbst ausbeuten. Wir werden es überleben. Aber Ihr?

Ihr werdet widersprechen, wie kann es sein, dass etwas Eurer Kontrolle entgleitet? Die Regierungen behaupten die medizinisch-technische Kontrolle über mich, und die Verschwörungsgläubigen halluzinieren die Kontrolle geheimer Mächte über die Pandemie.  Beide Anschauungen fürchten den Kontrollverlust, weil die Herrschaft der Menschheit über die Natur, die Innere wie die Äußere, nicht in Frage gestellt sein darf. Liegt es nicht jenseits eurer Vorstellungswelt, dass Ihr Objekt und nicht Subjekt seid? Dass Eure Körper nur eine der großen Biomassen der Welt für uns sind, Eure Lebenswelt und Gesellschaftlichkeit ein Ökosystem für uns, die Viren?

Ich sage Euch als Zweites: Ihr habt verloren.

Ihr werdet einwenden, doch nur eine Schlacht, aber niemals den Krieg. Ihr werdet auf eure Erfolge verweisen. Ihr glaubt Euch überlegen. Warum solltet Ihr mir zuhören? Schon mit der Metapher des Kriegs würdet ihr jedoch falsch liegen. Ich führe keinen Krieg gegen Euch.

Unterstellt Ihr mir Bösartigkeit oder einen Wunsch Euch zu töten? Schließt besser nicht von Euch auf mich! Nichts liegt mir ferner. Das Ziel meines Daseins ist es zu überleben, mich zu reproduzieren, mich zu verbreiten. Es sind biochemische Prozesse, nicht mehr und nicht weniger. Ihr würdet falsche Schlüsse ziehen, wenn Ihr Hegels Dialektik von Herr und Knecht auf mich übertragt. Es ist provokativ von mir, die Menschheit, die sich Ihres Subjektseins selbst sicher ist, damit zu konfrontieren, dass es eine autonome Natur jenseits Ihres Weltbewusstseins gibt, die Eure Körper, Eure Natur zum Objekt macht, ohne sie beherrschen zu wollen. Wir sind nicht Euer vielfältig und kreativ reproduzierter und verfilmter Albtraum eines dystopischen Angriffs von Außerirdischen. Viren existieren seit hunderten Millionen Jahren auf dieser Erde, und wir gelten nicht einmal als eine Form des Lebens. Wir kommen nicht von „außen“ und können nicht herrschen. Alle eure Begriffe scheitern – wir sind schon „immer“ hier, und wir werden immer hier sein. Und um es noch komplexer zu machen, „wir“ sind ein Teil von Euch, unser Verhältnis zu euch ist symbiotisch. Eine faszinierende Annahme von Euch ist die, dass die infizierte Zelle der eigentliche Phänotyp ist, und die Virionen nur Informationsträger sind, um sich zu verbreiten und zu vermehren. Ähnlich wie Pollen und Sporen für Blütenpflanzen und Pilze. Acht Prozent eures Genoms stammen aus Viren. Euer vor Millionen Jahren entstandenes Verteidigungssystem der Immunabwehr der Antikörper gegen „fremde Antigene“ entstand evolutionär aus einer Art Retro-Viren, aus den Transposons. Eure Körper bestehen aus 1013 Zellen und wird von 1014 Mikroben besiedelt, neben uns auch von Bakterien, Pilzen und Archäen. Im Ökosystem Mensch sind nur 0,5% der DNA menschlich. Ihr versteht, dass wir uns fragen, wer Ihr eigentlich seid.

Wenn so vieles für eine Koexistenz von Viren und Menschen in einem Ökosystem spricht, warum spreche ich davon, dass Ihr verloren habt? Ich gebe zu, aus eurer Sicht mache ich euch krank. Auch wenn uns Krankheitssymptome wie Husten bei der Verbreitung helfen, und ein angeschlagenes Abwehrsystem bei der Vermehrung, ist dies ein Nebeneffekt. Wenn ich zynisch wäre, würde ich von Kollateralschäden sprechen. Ihr führt einen Kampf gegen die Pandemie, und wenn ich diesen „Kampf“ mit euren eigenen Worten beschreiben und kritisieren würde, mit dem Blick eurer eigenen Theorie des Kriegs, wüsstet Ihr vielleicht von was ich spreche, wenn ich sage, dass ihr verloren habt. Erstens dies: zum Zeitpunkt einer Offensive oder einer Schlacht, in der die Entscheidung gesucht wird, nicht alle Kräfte einzusetzen, und einen Angriff ohne ausreichende Munition (dem Impfstoff) zu beginnen und keine strategische Reserve aufs Schlachtfeld zu werfen, hat nichts mit Besonnenheit, sondern mit mangelnder Entschlossenheit und Kühnheit und fehlendem definierten Ziel zu tun. Zweitens: eure strategische Führung, die Staaten, zerfallen in nationalistischen Einzelinteressen: deswegen gibt es keine kohärente internationale Strategie, werden die Erfolge an einem Frontabschnitt vom Verlust an anderen aufgezehrt. Die Staaten als ideelle Gesamtkapitalisten können, je ungewisser der Ausgang der Krise ist, immer weniger die um ihre Existenz ringenden Partikularinteressen hinter sich versammeln, das große Kapital schlägt intern das kleine. „Alle“ wollen gewinnen, nur will „keiner“ den Preis bezahlen. Drittens: An der Front stehen seit einem Jahr die gleichen Kräfte, die den mangelnden Offensiverfolg auffangen müssen. Wären die Gesundheitssysteme eine Verteidigungslinie, dann ist diese schon längst zermürbt, ausgedünnt und ihr Zusammenbruch kommt näher. Für die Moral der Front ist es tödlich, wenn sie sich im Stich gelassen fühlt, ihre Führung als korrupt erlebt: sei es in dem Status, Einfluss und Position in der Hierarchie zum Impfvorteil, sei es, indem die Pandemie zur persönlichen Bereicherung genutzt wird. Und deswegen werden wir gewinnen.

Drittens sage ich Euch: Wir sind erst am Anfang.

Wir sind schnell, in unserer Verbreitung, Anpassung, Differenzierung, wesentlich schneller als Ihr bei der Suche nach Strategien und Gegenmitteln. Wir lernen die Schwächen der Körper kennen, nutzen eure Mobilität, die Lieferketten und den Tourismus, euer kontaktreiches Sozialverhalten, eure Lebensweise, die großen gesellschaftlichen Ungleichheiten, euer geschwächtes Immunsystem. Wir lernen eure Immunabwehr kennen und zu täuschen. Wir tarnen und verändern uns. Wir agieren international, Ihr oft lächerlich provinziell. Womit wir ehrlich gesagt nicht gerechnet hatten, waren selbstherrliche Despoten, die unsere Existenz leugnen und sich im Besitz „unbesiegbarer Körper und Kräfte“ glauben. Dazu ein kindischer Narrensaum, der mit Zipfelmützen Polonaisen tanzt, wie besserwisserische, rebellierende Neunjährige, die das Erwachsenwerden verweigern – alles wird gut, wenn ich es lange genug ignoriere. Möglicherweise Formen magischen Denkens durch zu viel Konsum von virtuellen Fantasiewelten, der Imaginationen der Warenwelt und der kapitalistischen Massenkultur.  Dies ist jedoch nicht alles: auch die aufgeklärte Wissenschaft wird mythologisch, wenn sie vermeidet, ihren Rückschritt zu reflektieren und ihn stattdessen affirmiert. Horkheimer und Adorno schrieben in der „Dialektik der Aufklärung“, „daß die Ursache des Rückfalls von Aufklärung in Mythologie nicht so sehr bei den eigens zum Zweck des Rückfalls ersonnenen nationalistischen, heidnischen und sonstigen modernen Mythologien zu suchen ist, sondern bei der in Furcht vor der Wahrheit erstarrenden Aufklärung selbst.“ Die aufgeklärte Wissenschaft als Institution der zivilgesellschaftlichen bürgerlichen Gesellschaft hofft, dass die Pandemie allein technologisch und medizinisch in den Griff zu bekommen ist. Der Wunderglaube, dass eine auf Wachstum und Profit beruhende Ökonomie weiter grenzenlos fortgesetzt werden kann, und sich doch noch eine pragmatische Lösung finden wird, um nichts radikal ändern zu müssen, kann aus Furcht nicht erkennen, dass die Menschheit im „Weiter so“ dem Untergang entgegen geht. Die Weltuntergangsuhr stehe 100 Sekunden vor Mitternacht, vermelden die Medien besorgt im Januar, um direkt danach eifrig zu berichten, dass Trump „krank“ aussieht, Dieter Bohlen nicht mehr „Titan“ und Mallorca kein „Risikogebiet“ mehr ist: The show must go on. Man will nicht den letzten Zug auf dem Spielfeld sehen: Ihr hört zwar die Botschaft, könnt sie jedoch nicht glauben. Schach und Matt.

Ihr werdet einwenden, dass hier nicht das Virus spricht, sondern möglicherweise ein verbitterter Misanthrop, ein Menschenfeind, der seine Verachtung hinter wissenschaftlichen Erkenntnissen versteckt. Und der Euch jede Hoffnung nehmen will, erschrecken möchte, und Verzweiflung heraufbeschwört. Es ist umgekehrt: wenn es eine Absicht von mir gibt, dann die, dass durch die „verkehrte Perspektive“ Einsicht entsteht, die Hoffnung überhaupt ermöglicht, die Leiden und Übel zu überwinden. In Hesiods Werk wird der Mythos der Pandora geschildert (Werke und Tage, 100-105), die das Gefäß mit allen Übeln der Welt öffnet: “Alles andere aber, verderbliche Übel in Unzahl, schweift bei den Menschen umher; voll ist ja die Erde mit Plagen, voll das Meer, und Krankheiten befallen die Menschen bei Tag, und andere nachts, von selbst, und bringen den Sterblichen Leiden, lautlos; denn Zeus, der Planende, nahm ihnen die Stimme.“ Nur die Hoffnung, die ebenfalls im Gefäß war, blieb bei den Menschen, sie milderte das Leiden, in dem sie auf die Selbsttätigkeit der Menschheit verwies, die Leiden zu überwinden. Der Ausweglosigkeit bis zum Ende zu folgen, den letzten Tropfen bitterer Erkenntnis zu trinken, zerstört alle falschen Hoffnungen und Illusionen: und nur in dieser Radikalität existiert echte Hoffnung.

Emil Goldmann            30.03.2021

 

Weitere Texte aus unterschiedlichen Perspektiven auf Corona-Zustände finden sich hier: Corona-Briefe

 

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Ein Kommentar

  1. Kein Oben, Unten, Außerhalb,
    kein mächt’ger Gott
    und Katastrophe nicht, und auch kein
    Schwert! Nein — nichts and’res nicht als
    Wahrheit nur führt in den Wahn hinein
    Verirrte hinaus zu lichten Sonnen, hinauf
    zu klarer Bergesluft.

    Einer nur, der Menschenwille, der alles
    wollen kann — zum Wahne hin; oder zur
    Wahrheit; in Sklaverei; oder die Freiheit;
    zur Düsternis; oder ans Licht!

    Alles kann er. Und nennt verschlagen
    Schicksal sich. Ist Willen, ja, und ganz in
    seiner Kraft. Und will doch, niemals je,
    nicht von sich wissen. Sehnt gar nach
    Ketten sich. Will sie! Und wirft sie wieder
    ab. Wenn er’s denn WILL.

    Nicht wenn er muß. Wer will den
    Fürchterlichen zwingen, des Menschen
    Willen.

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