Lisa Eckhart: Die Hetzjagd geht weiter …

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Lisa Eckhart: Die Hetzjagd geht weiter …

   Eine Ehrenrettung für eine wirklich bizarre und waghalsige Künstlerin.

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart sollte im Rahmen eines Literaturwettbewerbes in Hamburg ihr Buch Omama vorstellen.

Dann kam es ganz anders. „Der Schwarze Block“ verkündete Bedrohliches, die Veranstalter beugten sich der rohen und unermesslichen Gewalt und im Orchestergraben rieben sich einige die Hände.

Die Wiederauferstehung des Schwarzen Blocks

Wer kennt ihn noch? Wer ist ihm begegnet? Wer hat Angst vor dem schwarzen XXX?

Der Schwarze Block war bereits in den 1980er Jahren ganz viel Erfindung, noch mehr medialer Selbstläufer und ganz wenig Realität. Mit dem „Schwarzen Block“ wollte man medial und strafrechtlich etwas zu fassen kriegen, was selbst den Autonomen damals nicht gelang: Eine halbwegs geschlossene Programmatik, ein gemeinsames Selbstverständnis. „Der Schwarze Block“ sollte also dem Publikum eine einfache, einfarbige Antwort auf das Phänomen „Autonome“ bieten.

Der „Schwarze Block“ war also vor allem ein Medien- und Demonstrationsphänomen … und manchmal spielten Schwarzmaskierte mit diesem Label und ließen ganz viele „Schwarze Blöcke“ aufmarschieren, die sich ihres gefährlichen Images und der geschürten Erwartungen annahmen, und versprachen, die Stadt, das Land, auf jeden Fall Deutschland in Schutt und Asche zu legen. „Feuer und Flamme für diesen Staat“ …

Die Wirklichkeit war um ein vielfaches bescheidener: Um sich vor Überwachungen, Identifizierung und Erfassung zu schützen, vermummten sich Autonome auf Demonstrationen. Und wenn das ganz viele machen, dann entsteht dadurch ein “schwarzer Block“. Das ist verdammt lange her … und nun taucht er wieder auf. Oh Schreck, oh Glück.

Dass es den „Schwarzen Block“ als Organisation nie gab, ist jetzt ideal. Man lässt ihn auferstehen und Angst einflößen und hat so eine Begründung für eine Absage. Nachdem die Veranstalter erwartungsgemäß reagierten und der Drohung nachgaben und die Buchautorin Lisa Eckhart ausluden, trauerten Rechte und Linke gemeinsam: Es sei eine Schande, der Gewalt zu weichen, sich den Gewaltandrohungen zu unterwerfen. (Als würden sie beides nicht sehr häufig machen – ohne Schwarzen Block … böser Gedanke).

Zuerst wäre es doch angebracht gewesen, herauszubekommen, ob Drohung und Absender halbwegs vertrauenswürdig sind. Man könnte es zumindest versuchen, gerade in Hamburg, wo es zum Beispiel das autonome Zentrum „Rote Flora“ gibt, das regelmäßig für alles verantwortlich gemacht wird, wenn etwas den Stempel „autonom“ bekommen soll. Nachfrage? Nein.

An der Drohkulisse, die Rechte und Kulturlinke weitgehend eint, ist nur ein Haken:

„Allein, die Drohungen hat es gar nicht gegeben. Das schreibt der Nochtspeicher (der Veranstaltungsort der Posse) in einer Pressemitteilung auf der Homepage selbst: Es habe lediglich Warnungen aus der Nachbarschaft gegeben, aber eben keine Drohungen, von denen der Festivalleiter mit Bezug auf den Nochtspeicher sprach. Auf ZAPP-Anfrage bestätigt der Nochtspeicher noch einmal, dass es keine Drohungen etwa des Schwarzen Blocks oder anderer gab. So ist das gezeichnete Schreckensbild von gewalttätigen Autonomen nicht mehr als eine überdimensionierte Projektion einer mikroskopischen Darstellung.“ (Sebastian Friedrich, Die konstruierte Debatte um Cancel Culture, ndr.de vom 10.8.2020)

Zweite Pappmascheekulisse

Man kann das Fazit dieser ersten Kulissenschieberei schon einmal ziehen: „Der Schwarze Block“ ist eine Attrappe, die davon ablenken soll, wen man im Visier hat: Eine Kabarettistin, die man nicht mag, nicht aushält, die einen ärgert, die irritiert und die man nicht einordnen kann. Die Motive, die hier zusammenkommen sind viele und auch recht unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass man sie nicht einordnen kann. Auf welcher Seite steht sie? Warum weiß man das nicht bzw. ist sich nicht (ganz) sicher?

Keine Frage, die Kabarettistin hat nicht verstanden, wie wichtig, wie überlebenswichtig es ist, sich zuzuordnen, selbst wenn es keine Ordnung dafür gibt.

Das wäre sicherlich eine spannende Debatte: Darf man als Kabarettistin austeilen, ohne klar zuordenbar zu sein? Diese Debatte könnte man, sollte man führen – mit der Kabarettistin! Wurde das getan? Nein.

Nachdem wir das Randgebiet des Skandals abgelaufen haben, kommen wir zum Kern des Konflikts, des Anliegens. Dafür braucht es keinen „Schwarzen Block“. Denn lange vor diesem haben sich Namhafte zu Wort gemeldet und ihr Gewicht (das selbstverständlich keinerlei Drohpotenzial enthält) in die Waagschale geworfen.

Es ging um einen Auftritt bei den „Mitternachtsspitzen“ vor sage und schreibe eineinhalb Jahren. Man bezichtigte die Kabarettistin des Antisemitismus. Die Nuancen bestanden lediglich darin, ob sie selbst eine ist oder den Antisemitismus bedient, also die darin eingebetteten antisemitischen Klischees goutiert, mit ihrem Publikum zusammen.

Schon damals ging es ganz wenig um eine Debatte, um die Verifizierung dieses schwerwiegenden Vorwurfes, sondern um das Ziel, dass so etwas im „Öffentlich-Rechtlichen“ nicht mehr vorkommen darf, dass sogar der Mitschnitt gelöscht werden sollte, also für Interessierte nicht mehr verfügbar sein soll. Damit kamen die Ankläger*innen nicht durch. Den Mittschnitt gibt es noch heute und sei als Dokument empfohlen, um das Folgende zu verstehen bzw. überprüfen zu können:

Lisa Eckhart – Die heilige Kuh hat BSE: https://youtu.be/6h8g8-2rdV8

Was also eineinhalb Jahr zuvor scheiterte, sollte nun im zweiten Anlauf doch gelingen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Dass der Anlass eine Buchlesung ist, ein Wettbewerb, an dem auch Lisa Eckhart mit ihrem Debütroman teilnehmen wollte, juckt die Jagdgesellschaft nicht. Das Buch spielt keine Seite lang eine Rolle, sondern jener Auftritt bei den „Mitternachtsspitzen“.

Worum geht es dort und was ist bis heute unerträglich und unverzeihlich?

Tom Uhlig, Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat für die „Jüdische Allgemeine“ das Erfolgsrezept von Lisa Eckart „herausgearbeitet“:

„Dabei besteht ihr Rezept im simplen Brechen von Tabus, die nie welche waren – auch in puncto Antisemitismus. So fragt sie triumphierend bei den WDR-Mitternachtsspitzen im Jahr 2018 – und noch immer abzurufen in der Mediathek –, ob #MeToo nicht antisemitisch sei, weil Polanski und Weinstein Juden sind. »Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.« (Tom Uhlig, Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: juedische-allgemeine.de vom 30.4.2020)

Es lohnt sich sehr, jetzt nicht wegzurennen, sondern ganz ruhig, Satz für Satz durchzugehen, um zu überprüfen, ob der Antisemitismus-Vorwurf haltbar ist, was gleichbedeutend mit dem Vorwurf einhergeht, sie mache Witze über Juden, ergo sei sie (als Nicht-Jüdin in die Runde geworfen) antisemitisch.

Keine Frage hat Lisa Eckhart keine wissenschaftliche Arbeit dazu verfasst. Im Kabarett geht es um Pointierung. Die darf nach Kurt Tucholsky alles, wenn sie sich nicht über Schwache, über eh Ausgeschlossene hermacht. Wenn man diese Grenzziehung akzeptiert, dann stellt sich die Frage: Hat Lisa Eckhart genau diese Schwelle überschritten, geht es doch um Juden?

Wer sich Zeit nimmt und den Kontext aufruft, der kann nur wütend über diese dümmliche Unterstellung sein.

Lisa Eckhart zielt mit dieser Passage nicht auf Juden, sondern auf Nicht-Juden und das Bild, das sie sich vom Juden, also von sich selbst machen. Man könnte großspurig auch von einer doppelten Enteignung sprechen: Wenn man antisemitische Klischees für das Jüdisch-sein erklärt und wenn Philosemiten wissen, was jüdisch, antijüdisch ist, dann bestimmen in beiden Fällen andere darüber, was jüdisch ist, zu sein hat und teilen sich das Phantasma von einem jüdischen Wesen, das in seiner negativen und positiven Aufladung eins wird.

Lisa Eckhart hat ihr Publikum im Auge, das wahrscheinlich in großer Mehrheit Israel als Heimat und Zufluchtsort von Holocaust-Überlebenden verteidigt, auf Juden nichts kommen lässt, die … ganz viel mitmachen, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, sie seien leibhaftig und/oder strukturell antisemitisch.

Zu dieser Bereitschaft gehört auch, weitgehend akzeptiert zu haben, dass eine Kritik an der Besatzungspolitik, an den Annektionen Israels nur vorgeschoben sei, um das Eigentliche zu tarnen: Den Hass auf Juden, was dann mit „sekundärem Antisemitismus“ markiert wird. Also halten sich die allermeisten raus, fassen das „heiße Eisen“ erst gar nicht an und sind umso mehr angefasst, wenn dies jemand tut, erst recht in der Art und Weise wie es Lisa Eckart gemacht hat.

Genau diese Denkfigur, diese „Beweiskette“ die vom Vorgeschobenen zum Eigentlichen führt, wendet sie auf die #MeToo-Kampagne an. Sie spielt mit der scheinbaren Schlüssigkeit dieser Beweisführung, und hintergeht auf dieselbe Weise die Motive der #MeToo-Bewegung, um ihr etwas „Eigentliches“ zu unterstellen.

Und so kommt sie logisch und zwingend zu der Fang-Frage, ob die #MeToo-Kampagne nicht doch und irgendwie antisemitisch sei, da es sich bei Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski um Juden handelt.

Dass sie damit nicht die #MeToo-Bewegung diskreditiert, sondern die Methode der Eigentlichmachung, ist einleuchtend, wenn man ihr nicht mit derselben Methode vorwirft, dass ihr klar und eindeutig erklärter feministischer Standpunkt nur vorgeschoben sei.

Dass diese Rückspiegelung vor allem auf ihr Publikum zielt, um gewohnten Gewissheiten zu irritieren, lässt sich in solchen Momenten an der Reaktion des Publikums recht deutlich ablesen. Man will doch meist und am besten alles sein: anti-patriarchal, anti-antisemitisch, anti-antiziganistisch, antirassistisch, antidiskriminierend … und jetzt dieses Dilemma.

Und wenn man sie, zur Sicherheit, zur Absicherung, antisemitischer Klischees bezichtigt, dann hat das viel mit den Interessen der Ankläger zu tun, aber nichts mit Lisa Eckhart. Sie bestätigt sie nicht, sie spielt mit ihrer Absurdität.

Das deckt sich mit einem taz-Kommentar, der dem Gastautor Eliyah Havemann widerspricht, dass die Kabarettistin „auf Kosten der Juden, PoC, Homosexuellen und trans* Menschen sowie anderer Marginalisierter“ ihre „billigen Pointen“ (taz. de vom 12. 8. 2020)

mache:

„Wer sich eine ganze Show von ihr angesehen hat, erkennt auch, dass es nicht auf Kosten von Minderheuten geht, sondern auf Kosten des Zuhörenden, des Konsumenten der Show. Und hier fängt Kunst an.“ (taz-Kommentar)

Es geht bei all dem, was anstößt, in der Tat nicht darum, dass Lisa Eckhart Witze über Juden macht. Sie macht sich über Nicht-Juden lustig, die koscherer sein wollen als die Klischee-Juden.

Dass Lisa Eckhart damit ein völlig vermintes Terrain betritt und im Zweifelsfall riskiert, fallen gelassen wird, ist ihr hoch anzurechnen.

Natürlich werden die Kritiker*innen dieser Kampagne sagen, dass sie Kritik an sich und Israel selbstverständlich zulassen, begrüßen undundund. Warum haben genau diese bis zum heutige Tag nicht bei Lisa Eckhart nachgefragt, wie sie das meint, was andere bereits zu wissen glauben?

Täten sie das, würde zum Beispiel folgendes Interview (Auszüge) dabei herauskommen, das die Basler Zeitung 2019 mit ihr geführt hat:

„Aber es ist doch gut, bestimmte Dinge zu regeln – und zu sagen was nicht in Ordnung ist?

„Mir scheint das alles sehr angelernt – dieser Autoritarismus. Du musst so und so sprechen – das lernen die Leute heute. Und wenn es jemand nicht macht, dann wird er sanktioniert. Aber ich sehe da keine Erkenntnis: Wenn jemand die richtigen Sprachformeln benutzt, dann kann ich daraus nicht schließen, dass diese Menschen andere respektieren.

„Und was wäre die Alternative?“

„Es müsste so sein wie in den Mathematik-Schularbeiten, wo ein Ergebnis nicht als richtig erkannt wird, wenn der Rechenweg nicht dokumentiert ist. Wenn die Menschen gendern, dann sehe ich den ‚Rechenweg‘ nicht. Es kann sein, dass sie völlig homophob du misogyn sind, aber die Sprache ‚richtig‘ verwenden – das bringt nichts. Aber wenn ich sehe, dass jemand spontan und flexibel sprechen kann, Humor versteht und ich da ein bisschen reinfahren kann, dann ist das viel wichtiger, als etwas konsequent-kategorisch, also stumpfsinnig durchzuziehen.“

(…)

„Auf der Bühne lasse ich das immer offen, aber, wenn ich es beschreiben müsste, dann würde ich sagen, politisch bin ich k.u.k.“

„Kaiserlich und königlich?

„Nein, konservativ und kommunistisch. (…) Ich bin davon überzeugt, dass sehr viel dafür getan werden muss, um Menschen die Möglichkeit zu geben, so menschenwürdig zu leben, das sie Stärke entwickeln können. (…) Ich bin der Ansicht, dass Identitätsprobleme keine Priorität haben sollten, solange nicht jeder materiell-existenziell versorgt ist. Ich habe kein Verständnis dafür, mit welchen Kleinigkeiten herumhantiert wird, wenn ernsthafte Probleme wuchern, die geschlechtslos sind.“ (Sex auf Augenhöhe ist unmöglich, Basler Zeitung vom 30.11.2019)

 

Man kann Lisa Eckhart einiges vorwerfen, mit ihr über dies und das streiten – aber sie ist auf jeden Fall nicht beliebig und gleichgültig.

Als 2019 in Paris die Notre Dame brannte und alle irgendwie betroffen waren, ließ die Kabarettistin Lisa Eckhart das trauernde Publikum wissen:

„Wahre Solidarität wäre, die eigenen Kirchen anzuzünden.“ (Nuhr im Ersten vom 6. Mai 2019)

Allein für diesen einen Satz, in einer solchen Zeit, zu einem solchen Anlass, muss man sie schätzen und darf ein paar andere Bemerkungen irritiert und unschlüssig hinnehmen.

Wolf Wetzel

Publiziert auf Telepolis am 15. August 2020: https://www.heise.de/tp/features/Lisa-Eckhart-Die-Hetzjagd-geht-weiter-4871014.html

 

Quellen und Hinweise:

Die konstruierte Debatte um Cancel Culture, von Sebastian Friedrich, ndr. de vom 10.08.2020: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Lisa-Eckhardt-konstruierte-Debatte-um-Cancel-Culture,lisaeckhart102.html

Streit um Kabarettistin Lisa Eckhart: Vergrößern ist nicht spiegeln. Von Eliyah Havemann/Gastkommentar in der taz vom 12. 8. 2020

Der Fall Lisa Eckhart – Cancel Culture in Deutschland. Von Jens Berger. NachDenkSeiten vom 6. August 2020

Sex auf Augenhöhe ist unmöglich, Interview mit Lisa Eckhart, Basler Zeitung vom 30.11.2019: https://www.bazonline.ch/kultur/theater/ich-lege-einen-spielerischen-rassismus-an-den-tag/story/20288458

 

 

https://www.heise.de/tp/features/Lisa-Eckhart-Die-Hetzjagd-geht-weiter-4871014.html

 

 

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