Über das Ende der Aufklärung | Buchankündigung

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Über das Ende der Aufklärung|Buchankündigung

Für das Jahr 2020

 

Die dokumentarische Erzählung setzt da an, wo das Buch „Der NSU-VS-Komplex“ aufhört und trägt alles zusammen, was sich bereits vor Beginn des Prozesses in München 2013 abzeichnete:

Der NSU bestand nicht (nur) aus drei Mitgliedern. Der sich „Verfassungsschutz“ nennende Geheimdienst war nicht dreizehn Jahr ahnungslos. Er wusste vom neonazistischen Untergrund, er begleitete und betreute ihn mit zahlreichen V-Leuten. Der Verfassungsschutz war (auf dem rechten Auge) nicht blind, sondern handelte tatbegünstigend. Ohne das Zutun und Nichts-Tun sind die zehn Morde, die man offiziell dem NSU zurechnet, nicht erklärbar.

Die Form der dokumentarischen Erzählung wurde gewählt, weil es ihr erlaubt, „Johann“, den Protagonisten dieser Geschichte einzuführen. Er bringt auch zur Sprache, wovor Theodor W. Adorno bereits 1951 warnte: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

„In Todesangst schreibt man am besten.“

Johann schaut ihn an und weiß nicht, ob das nun wirklich zu weit geht, ob man mit den Umständen so spielen darf. Liegt das am Alter? Sein 85-jährigen Freund macht einen ernsten Eindruck. Johann wartet noch auf eine einleuchtende Erklärung, aber die kommt nicht.

„Na ja, es gibt einige Schriftsteller, die ihre besten Romane im Anblick des Todes geschrieben haben.“

Obwohl Johann dieser Motivationshilfe nicht viel abgewinnen kann, lässt ihn der Gedanke nicht wirklich los. Jedes Mal, wenn er beim Schreiben ins Stocken gerät, muss er an diesen Satz denken und überwindet die Blockade.

Johann wollte abschließen, dem Ganzen ein Ende setzen. Die Urteilsverkündung im NSU-Prozess in München Mitte 2018 wäre ein guter Zeitpunkt gewesen. Die Urteile sind eher Sargnägel auf die über sieben Jahre, in denen er sich mit dem NSU-VS-Komplex beschäftigt hatte.

Das Scheinurteil gegen Andre Eminger hat ihn noch einmal in Rage gebracht. Ein letztes Mal. Dann sollte es endgültig Schluss sein. Er war müde, gegen die Mauer anzurennen, die den NSU-VS-Komplex beschützt hat. Eine Mauer aus professionellen, profanen Gründen und eine Mauer aus Angst:

Was wäre, wenn sich die „Trio-Version“, die Ahnungslosigkeit des Geheimdienstes, die Behauptung, dass die zehn Morde nicht zu verhindern waren, als falsch erweisen?

Johann konnte die Appelle nicht mehr hören, die immer und immer wieder Aufklärung, am besten vollständige Aufklärung fordern, als wollten sie nicht begreifen, dass es in diesem Fall keine Aufklärung geben wird.

„Kein Schlussstrich“ kündigten die Gruppen um das NSU-Tribunal als Antwort auf den zu Ende gegangenen Prozess an. Johann wollte einen Schlussstrich ziehen. Daraus wurde nichts.

Kaum lag Staub über diese Art der Aufklärung, kam ein anderer Skandal an die Öffentlichkeit. Die Existenz einer paramilitärischen Vereinigung namens „Uniter“, in der sich Ex-Polizisten, Ex(-Elite-)Soldaten und „Sicherheitskräfte“ als Privatarmee zusammentun, mit guten Verbindungen zu neonazistischen Gruppierungen.

Was so gerne an den ganz rechten Rand gedrängt wird, taucht nun in der Mitte auf. Ende 2018 macht sich ein „NSU 2.0“ bekannt, als wollte man der Staatsversion vom „NSU-Trio“ ein besonderes Schnippchen schlagen. „NSU 2.0“ verschickt Morddrohungen, unter anderem an eine Rechtsanwältin, die im NSU-Prozess eine Nebenklage vertreten hatte. Der „Untergrund“ dieser neonazistischen Gruppierung hat sich einen besonders sicheren Ort ausgesucht: ein Polizeirevier in Frankfurt.

Schlag auf Schlag ging es weiter: Es folgte der Mordanschlag auf den Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) in Kassel im Juni 2019.

Spätestens jetzt kamen die Untoten der Nicht-Aufklärung zum Vorschein, alles was man in und mit der NSU-Aufklärung geleugnet, vertuscht oder als krude Verschwörungstheorie abgetan hatte.

Grafik Exif

 

Doch dieses Mal traf es nicht einen Blumenhändler oder einen Internetcafebesitzer, sondern einen Regierungspräsidenten.

Dann folgte der Anschlag auf eine Synagoge in Halle und der Trauermarsch der Verlogenheit. Kaum waren die Krokodilstränen getrocknet, ermordete ein Rassist in Hanau neun Menschen, die für ihn nicht deutsch genug waren. Die Trauergemeinde war wieder zur Stelle, unter ihnen der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, den man als Paten der Nichtaufklärung im Mordfall Kassel 2006 bezeichnen kann.

Wie kann sich so jemand unter die Trauernden wagen? Wie kann man ihn dort nur eine Minute aushalten? Wie dreist ist es von ihm, das „Schweigen der Mehrheit“ anzuklagen, ohne rot zu werden? Genau jene schweigende Mehrheit, die er orchestriert, die er ermutigt und ständig dazu anhält, die Märchen von Pannen und Staatswohl zu glauben.

Johanns Wut galt nicht nur diesen Politikern, die sich in die erste Reihe der Trauenden setzten und gleichzeitig bis zum Abwinken von einem „Einzeltäter“ sprechen, der in Kassel den Ministerpräsidenten ermordet hat. Er war auch wütend und enttäuscht, dass man ihnen die Bühne überlässt, dass sie seelenruhig davon reden können, dass man jetzt die noch Unbekannten aufspüren müsse, während die ihnen längst bekannten Neonazis „vom Schirm rutschen“.

Johanns Wut überschlägt sich. Eine stillgelegte Wut kommt hoch. Die Wut über eine Linke, von der er nicht mehr weiß, was sie eint, was sie ausmacht, was sie unterscheidet von all denen, die man rechts, reaktionär, autoritär und faschistisch verortet.

Ihn ärgert schon ganz lange, dass man sich fast ausschließlich auf den Prozess in München konzentrierte, dass viel zu viel in die Beobachtung und Begleitung der verschiedenen parlamentarischen NSU-Ausschüsse gesteckt wurde. Anstatt ständig und ermüdend zu reklamieren, was fehlt, was alles unterlassen wurde, hätte man die Aufklärung in die eigenen Hände nehmen müssen – zum Beispiel in Form eines öffentlich tagenden Ermittlungsausschusses, der weder einer Partei, noch der Staatsraison verpflichtet ist.

Wahrscheinlich ist die Linke dazu zu schwach, zu zersplittert, zu uneins, zu fragmentiert.

Johann konnte das irgendwie wegstecken, zur Kenntnis nehmen.

Erst recht, wenn man schwach und einflusslos ist, hätte man doch die verschiedenen Erklärungsversuche, Theorien und Analysen auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen können – zusammen! Dadurch hätte man vielleicht Differenzen, Mutmaßungen, Unterstellungen ausräumen können.

  • Warum wollen einige partout alles mit Rassismus erklären und ihn zum Generalschlüssel machen?
  • Ist der Rassismus tatsächlich der rote Faden, der die Sabotage der Aufklärung auf allen institutionellen Ebenen erklären kann?
  • Warum wurde nie der Frage nachgegangen, was mit der Staatsraison gemeint ist, mit dem Staatswohl, das in Gefahr sei, wenn schonungslos aufgeklärt wird?
  • Was treibt Linke dazu, von Verschwörungstheorien zu fabulieren, wenn andere eine Systematik in der Nicht-Aufklärung entdecken, wenn sie Hierarchien, Dienstwege, Entscheidungsstrukturen erkennen und verifizieren, anstatt zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Rassismus als zentrales Handlungsmuster auszumachen?
  • Warum zieht eine sehr gut informierte Linke, wie Katherina König-Preuss den Schriftsteller und Krimiautoren Wolfgang Schorlau so in den Dreck, wenn er von einer „schützenden Hand“ spricht, die Ereignisse, Ermittlungen und Fakten im NSU-Komplex in die gewünschte Richtung lenkt?

Johann spürt, wie sich wieder diese Wut breitmacht und dass diese Wut bei allem, was er jetzt noch einmal ablaufen will, Platz haben muss. Ja, diese sachdienliche Wut muss sein, jetzt.

Dann platzt die Corona-Krise in diese Aufräumphase.

Als wolle „Corona“ alles zusammenbringen, was in den letzten Jahren an den Rand gedrängt wurde. Zuerst das Leugnen von „Corona“, dann die Beschwichtigungen, dann die Versprechen und dann etwas ziemlich Neues, das ganz langsam in jede Ritze des Alltags dringt: Die Gewissheiten sind weg, der Alltag geht in einen Ausnahmezustand über, von dem niemand weiß, wie lange er anhält, wer ihn nutzt, wer ihn aufhebt. Aber noch etwas ist besonders: Die Regierung mitsamt ihren Experten, „die da oben“, wissen nicht, wie es weitergeht. Sie haben keine Lösung, sie schlagen sich Tag für Tag mit Mutmaßungen, Analysen und Einschätzungen herum, die wenig später über den Haufen geworfen werden.

Für gewöhnlich haben in so reichen Staaten wie Deutschland nicht alle Angst, nicht alle leben in Unsicherheit und Ungewissheit. In solchen Staaten lebt in der Regel nur eine Minderheit unter prekären Bedingungen. Die Obdachlosen, die jeden Tag um einen Schlafplatz, um ein Essen kämpfen. Die prekär Beschäftigten, die ganz viel für ganz wenig Geld arbeiten und immer bangen müssen, dass ihnen selbst das noch genommen werden kann. Die Menschen, die alt und arm sind und nicht wissen, wie sie mit ihrer Rente über die Runden kommen.

Jetzt haben alle Angst! Jetzt wissen alle nicht, was richtig ist! Jetzt spüren alle, dass ihr Leben nicht „gebucht“ ist.

Es gibt einige, die jetzt davon reden, dass in jeder Krise eine Chance stecke. In solchen unsicheren Zeiten beginnen Esoterik und Politik zu verschwimmen.

Das bringt Johann auf die Palme: Weder ein Krieg, mit dem diese Pandemie längst verglichen wird, noch Corona haben einen pädagogischen Auftrag.

Johann muss an seinen 85-jährigen Freund denken – gerade „in Zeiten der Cholera“.

Wolf Wetzel | April 2020

 

 

 

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