In Zeiten von Corona 1 v. C.

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Liebe In Zeiten der Cholera Corona

Die folgende Geschichte ist mit dem Appell verbunden, die Unwissenheit über Corona COVID-19 auch unter uns zuzulassen. Die Angst, die damit einhergeht, werden wir nicht los, indem wir uns als (bessere) Experten überbieten. Das wird auch nicht besser, wenn sich einige mit Atemschutzmasken „profilieren“ und die anderen darin Aluhütchen sehen.

Zugleich gibt es ein sehr gutes, wohl kaum umstrittenes Wissen darüber, dass bei keiner Krise das Wohl und das Glück der Menschen im Mittelpunkt standen, sondern der Schutz der bestehenden Ordnung. Die Finanzkrise 2008ff haben die bezahlt, die mit diesen Geschäften nichts zu tun hatten. Die „Corona-Krise“ werden wieder jene bezahlen, die nicht systemrelevant sind.

Funktioniert ja bei PflegerInnen, Reinigungspersonal und Supermarkt-KassiererInnen auch so gut
Funktioniert ja bei PflegerInnen, Reinigungspersonal und Supermarkt-KassiererInnen auch so gut

Nichts spricht gegen die Aussage des Ökonomen Nebojsa Katic: „Nach der Pandemie wird die Welt noch grausamer sein.“

Es sei denn, wir nutzen dieses Wissen – gemeinsam.

 

„Bleiben Sie auf Abstand. Bleiben Sie zuhause. Bleiben Sie gesund.“ (Verkehrshinweis März 2020 in Frankfurt)

„Weißt Du, was Corona auf Latein bedeutet?“

Johann ist noch nicht ganz wach und für Corona, mit welcher Bedeutung auch immer, noch nicht empfänglich. Fee lässt sich davon nicht abhalten.

„Corona bedeutet im poetischen Sinne Krone, Kranz, verstanden als Auszeichnung, als Schmuck.“

Johann murmelt so etwas wie die ‚Krönung der Schöpfung‘, aber vielleicht war es auch der ‚Gipfel der Schöpfung‘.

„Im gesellschaftlichen Sinne bedeutet Corona Versammlung und im militärischen Verständnis versteht man unter Corona eine Einschließungslinie.“

Johann kommt ganz vorsichtig, im Abstand von 1,5 Metern, in den Bereich bereitwilliger Reflexion.

„Also ich kenne die Polizeitaktik der Einkesselung. Das dürfte so in etwa dasselbe sein.“

Johann ist angefüttert und denkt nach.

„Ich finde, diese verschiedenen Bedeutungen decken doch alles ab, was wir jetzt mit Corona erleben. Corona als Krönung des bisher Erlebten, Corona als Frage der Gesellschaftlichkeit und Corona als disziplinarisches Regime, das bis zur Einkesselung und zum Ausnahmezustand reicht.“

Johann denkt an Foucault und seine Theorie der Disziplinarmächte und merkt, dass es dafür noch zu früh ist.

Er muss noch die Nachrichten des letzten Tages verdauen: Alles wird geschlossen bis auf lebenswichtige Einrichtungen, also Einkaufszentren, Krankenhäuser, Arztpraxen. Man soll ab jetzt mindestens 1,5 Meter Abstand zu allen anderen halten. Bis jetzt. Aber man droht auch unverhohlen. Wenn die BürgerInnen nicht spuren, dann kann die Regierung auch ganz anders … und droht mit Ausgangssperre. Sie will sich das noch bis zum Wochenende anschauen und dann entscheiden.

„Weißt Du, was mich am meisten trifft?“

Fee befürchtet wieder etwas außer der Reihe und hat recht.

„Dass auch noch die Cafés geschlossen werden, ist wirklich der Tropfen auf den heißen Stein. Ich glaube ich werde zum Kohlhaas.“

Fee lächelt diese Drohung beziehungsweise Verwandlung einfach weg und Johann wird todernst.

„Weißt Du, ich verstehe das mit den Einschränkungen. Wenn man damit tatsächlich die Ansteckungsgefahr verlangsamen, also Leben retten kann, dann ist das in Ordnung. Aber das Ganze ist doch völlig irre …“

Fee versteht den Schwenk nicht.

„In unserer Freizeit sollen wir alle Ansteckungsgefahren meiden, aber bei der Arbeit gelten all diese Warnungen nicht. Die Fabriken arbeiten weiter, auf den Baustellen drängeln sich die Arbeiter. Da hängen Tausende von Menschen aufeinander und da gelten die Vorsichtsmaßnahmen nicht?“

Fee nickt und scheint ihm zu folgen.

„Damit konterkarieren sie doch alle vernünftigen Maßnahmen! Wer noch nicht ganz bröselig im Hirn ist, muss sich doch fragen: Macht Corona vor Fabriktoren und Großbaustellen Halt? Also so wie die Demokratie? Halt, da darf ich nicht rein, ich muss draußen bleiben. Schade, dann warte ich, bis sie alle nachhause gehen und mach mich dann über sie her. Was soll dieser Wahnsinn?!“

 

Fee findet, dass sich Johann das Ganze ein wenig zu sehr zu Herzen nimmt und schlägt ein Frühstück vor, mit Brötchen und Bioeiern – ohne auf eine gedankliche Eskalation zu verzichten.

„Hast Du gehört, dass in Frankreich die Kondome ausgehen?“

Fee lacht dabei und strahlt. Johann versteht die Übersprunghandlung nicht und dann doch.

„Und in den USA bewaffnen sich die Bürger. Seit es Corona auch in den USA gibt, steigt der Waffenverkauf um über 50 Prozent. Die sterben dort nicht an Corona, sondern an Schussverletzungen.“

Fee war im Gegensatz zu Johann schon einmal in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und erkennt Motive.

„Na ja, die haben Angst, dass es zu Plünderungen kommt und dass sie sich nur selbst schützen können.“

„Ich finde, die müssen sich eher vor sich selbst schützen, vor Trump, vor Millionen von Weißen, die diese Corona-Adaption wählen.“

Fee verlässt dieses neue Europa und kehrt nach Deutschland zurück.

„Und in Deutschland horten die Leute Toilettenpapier. Die Geschäfte sind total ausverkauft.“

„Ich will ja keinen Nationalcharakter beschwören. Aber gerade macht es Spaß: Die Deutschen haben vielleicht einen Sauberkeitswahn. Kann das sein?“

Fee schnickt ein paar Brotkrümel ostentativ vom Tisch.

„Die Kacke ist am Dampfen! Das ist doch so. Und die Deutschen haben nur ein Anliegen: Sauber bleiben!“

Beide entscheiden sich, das unappetitliche Thema ruhen zu lassen. Das Bio-Ei wird sonst kalt.

Draußen scheint die Sonne und der Himmel ist ziemlich blau.

„Komm, lass uns bald rausgehen. Wer weiß, wie lange das noch geht.“

Dennoch kommen sie von Corona nicht los. Und Fee ist optimistisch, auch in diesem besonders schweren Fall.

„Aber vielleicht bringt Corona die Menschen auch zur Besinnung. Jetzt haben sie viel Zeit zum Nachdenken. Jetzt haben sie die Möglichkeit, sich zu fragen, was wichtig ist, im Leben. Hast du die Leute in Spanien gesehen, die auf den Balkonen stehen und zusammen Musik machen, und versuchen, der Vereinzelung zu entgehen? Das ist doch eine tolle Reaktion.“

„Ja, sicher. Das passiert in Spanien, vielleicht auch in Frankreich. Aber das liegt nicht an Corona, sondern an dem, was die Menschen für solche Situationen mitbringen. Corona hat keinen pädagogischen Auftrag.“

Fee runzelt die Stirn und fordert wortlos Erklärung. So versteht es zumindest Johann.

„Die Menschen machen in der Regel genau das, was sie vorher gemacht haben, was sie schon immer für normal und richtig halten. Jetzt verstärkt sich nur das je Eingeübte. Die Egoshooter werden noch mehr dransetzen, um ganz vorne zu sein, die anderen aus dem Weg zu räumen und über die anderen drüber zu trampeln. Heute wäre es doch mehr denn je an der Zeit, darüber nachzudenken, warum wir Toilettenpapier horten, anstatt Zusammenhalt zu praktizieren und zu genießen. Stattdessen überbieten sich alle darin, das Wort der Stunde auszumessen: Kontaktverbot.“

Draußen ist der Himmel immer noch blau. Auch die Sonne scheint noch. Die hat auch kein Problem damit. Sie ist ja alleine.

Die beiden fahren los und parken in der Nähe eines jüdischen Friedhofes. Sie gehen los, entlang eines Feldes, mit leichtem Anstieg. Ihnen kommen jeweils die vorgeschriebenen Zwei entgegen. Also genau die zwei Personen, die sich draußen frei bewegen dürfen. Johann merkt, wie er unwillkürlich zum Überwacher mutiert. Halten sich alle dran? Was ist mit den Dreien, die ihnen gerade entgegenkommen? Zwei Erwachsene und ein Kind? Und dazu noch ein Hund!

„Woher weiß man, dass das Kind wirklich zu denen gehört?“

„Also Johann, jetzt übertreibst du es aber mächtig.“

„Weißt du, mir fällt gerade die unscheinbare Nachricht ein, die so mir nichts dir nichts durchgereicht wurde. Von wegen Überwachung.“

„Worauf spielst du an?“

„Die haben gestern in den Nachrichten gebracht, dass das große Telekommunikationsunternehmen ‚Telekom‘ Millionen von Datensätzen an das Robert-Koch-Institut weitergegeben hat, um damit Bewegungsprofile zu erstellen.“

„Und?“

„Diese Datensätze sollen dazu dienen, zu überprüfen, ob sich die Menschen an die Kontaktverbotsempfehlung halten. Sie nutzen doch damit nur die Gunst der Stunde.“

„Wer sind ‚die‘?“

„Seit Jahren wird immer wieder mit irgendeiner Begründung der flächendeckende Zugriff auf Handydaten gefordert. Vor allem von denen, die uns heute vor Corona schützen wollen. Die Große Koalition. Die Parteien der Mitte. Such dir was aus. Fast jeden terroristischen Anschlag nutzen sie, um die Totalüberwachung zu legalisieren. Jetzt soll Corona zum selben Ziel verhelfen. Die sind sich für nichts zu schade. Übrigens, hast du dein Handy eingeschaltet?“

„Du weißt doch, dass ich es immer dabeihabe. Was soll das?“

„Na ja, so können sie jetzt nicht nur überprüfen, ob wir vorschriftsmäßig zu Zweit unterwegs sind, sondern auch wo wir uns gerade aufhalten.“

„Du musst das positiv sehen. Wir verlaufen uns doch ständig. Das ist doch so. Wenn wir also wirklich nicht mehr weiterwissen, dann können ‚die‘ uns ganz schnell weiterhelfen, oder?“

Johann weiß, dass auch Fee witzig sein kann und fragt nicht nach, ob ‚die‘ dieselben sind, von denn er zuvor sprach.

„Komm, wir setzen uns hier auf die Parkbank. Dann gibt es keine Bewegungsdaten mehr.“

Die Sonne wärmt und lenkt ab. Ganz kurz. Dann kann es Johann nicht lassen. Er tippt auf Fees Uhr, die sofort ihr Display aufleuchten läßt.

„Raus damit. Was willst du mir jetzt sagen?“

„Deine Google-Uhr ist eine ausgezeichnete Ergänzung zu Polizeistreifen und Überwachungsdrohnen.“

Fee tippt wieder auf ihre Uhr und wirkt leicht missmutig.

„Ich weißt, dass du die nicht magst. Aber mir ist das eine Hilfe.“

„Ja, und anderen erst recht. Jetzt ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, wann die Daten deiner Uhr abgefragt werden, also zum Beispiel die deines Schrittezählers.“

Fees Fuss tippt rythmisch auf den Boden.

„Zum Beispiel ginge es dann bald so. Jede und jeder hat 5.000 Schritte am Tag. Wenn dieses Kontingent überschritten ist, bekommst du eine Nachricht, also eine letzte Aufforderung, wieder nachhause zu gehen. Vernetzte Welt eben. Heute würde man dazu Infektionsketten sagen.“

Fee schaut demonstrativ auf ihre Uhr, tippt ein paar Mal auf das Display und stößt einen Schrei aus.

„Johann, wir müssen ganz schnell zurück. Meine Uhr zeigt 6.666 Schritte an. Ich, also wir liegen drüber.“

„Jetzt habe ich aber noch eine gute Nachricht. Von der weißt du noch gar nichts.“

Fee schaut ihn schelmisch an. Sie weiß, dass jetzt mal wieder die Phantasie mit ihm durchgeht.

„Es gibt eine neue Verordnung mit dem Namen ‚COVID-19‘. Mit dieser Verordnung werden Menschen verschiedenen Levels zugeordnet. Ja, die ist brandneu.“

„Jetzt kommt wieder etwas aus dem Qualityland, stimmt‘s?“

„Ich würde sagen eine Aktualisierung. Also, hör zu: wir haben Level-80 zugewiesen bekommen. Ich habe da meine Connections spielen lassen.“

„Na, deine Connections will ich mal sehen. Aber gut.“

„Level-80 bedeutet also in diesem Fall, dass wir am Tag 8.000 Schritte machen können, also dürfen. Ist das nicht toll?“

„Das hast du ganz toll gemacht“. Fee legt noch einen Kuss oben drauf.

2020

CoronaLand______QualityLand

Das in dieser Geschichte erwähnte Buch „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling ist absolut coronatauglich. Ich würde es als wunderbare Ergänzungskost empfehlen. Was Corona mit uns macht, entspricht in etwa dem, was die Algorithmen in besagtem Roman bedeuten: Sie sind allmächtig und doch unsichtbar, sie sind bestimmend und doch unwählbar.

Der Roman ist ein Enthüllungsroman im besten Sinne, gerade jetzt, wo man im Nebel der Diagnosen und Therapien stochert. Im Coronaland gibt es ja nur ganz viele Individuen und noch buntere Interessen. Wenn es mal ganz hochkommt, spricht man von Schichten, die unsere Gesellschaft (unter-)teilen. Manchmal spricht man von einer Schere, die immer weiter auseinandergeht.

In QualityLand wird nicht länger drum herumgeredet: Es gibt Level-2 bis Level-99-Menschen:

„Anscheinend wird keiner auf Level 1 eingestuft, damit selbst Level-2-Menschen noch jemanden unter sich glauben. Die Sorge, tiefer fallen zu können, wird als nützlich betrachtet. Menschen, die denken, sie hätten nichts mehr zu verlieren, sind gefährlich. Das höchste Level ist 100. Wobei es vermutlich auch keine Level-100-Menschen gibt, denn selbst Level-100-Menschen sollen glauben, dass an ihnen noch Optimierungsbedarf besteht und dass sie noch jemanden über sich haben.“ (S.37)

Fest steht auf jeden Fall: Ganz unten hat man wenig zu melden, ganz oben darf man ganz viel, also so gut wie alles. Wie im wirklichen Leben.

Aber es gibt auch Hoffnung, an einer Stelle, wo man es nun wirklich nicht vermutet: Die Computer, die verschrottet werden sollen, kämpfen ums ÜberLeben und bilden eine Art Untergrund gegen die Diktatur der Algorithmen.

Ob „QualityLand“ in der Zukunft liegt, ob vieles von dem bereits Gegenwart ist, ob dieser Roman vor etwas warnt oder etwas sichtbar macht, können, dürfen die LeserInnen entscheiden.

Der „Alte“ in QualityLand gibt hierfür einen nützlichen Hinweis, in Form einer Frage: „Leben wir in einer Diktatur, deren Methoden so sublim sind, dass keiner merkt, dass wir in einer Diktatur leben? Und gleich daran anschließend musst du dir die nächste Frage stellen: Ist es überhaupt eine Diktatur, wenn keiner merkt, dass es eine Diktatur ist? Wenn sich keiner seiner Freiheit beraubt fühlt? Und Freiheit ist ja keinesfalls verboten in QualityLand. Sie ist höchstens ‚zurzeit nicht lieferbar‘.“ (S.210)

Wolf Wetzel

Quellen/Hinweise:

QualityLand, Marc-Uwe Kling, Ullstein, 2017

https://qualityland.de/

Nach der Pandemie wird die Welt noch grausamer sein, Nebojsa Katic: https://www.nachdenkseiten.de/?p=59645

 

 

 

Auszug aus dem Buch, das bald herauskommen wird: Am Ende der Aufklärung.

Eine dokumentarische Erzählung, die dort weitermacht, wo das Buch endet: Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf?“

 

 

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