Andreas Temme – mehr NSU-Netzwerk als Verfassungsschutz?

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Andreas Temme – mehr NSU-Netzwerk als Verfassungsschutz?

Andreas Temme, V-Mann-Führer eines Neonazis, der zum NSU-Netzwerk gehörte, ein Geheimdienstmitarbeiter, der dabei war, als Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel 2006 ermordet wurde, wird bis heute von sehr vielen Medien als „Mann am falschen Ort und zur falschen Zeit“ skizziert und als tragische Figur in Schutz genommen.

Seit dem Mord an Walter Lübcke 2019 taucht Andreas Temme immer wieder auf – wieder am falschen Ort, zur falschen Zeit?

Wenn es nach Andreas Temme geht, dann ist selbst der Zufall ein Zufall, wenn es nach seinem Chef im Landesamt für Verfassungsschutz Frank-Ulrich Fehling geht, läuft alles „nach Plan“.

 

„Kennst Du Jürgen S.?“

„Nein, sollte ich?“

„Jürgen S. ist ein langjähriger Freund von Andreas Temme. Sie waren zusammen als Sportschützen unterwegs und im selben Rockerclub aktiv.“

„Na ja, das ist ja noch nicht verboten, oder?“

„Das ist aber noch nicht alles: Jürgen S. war Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. Der Geldtransporter wurde in unmittelbarer Nähe zweier NSU-Mordtaten registriert, einmal in Nürnberg am 9. Juni 2005, als Ismail Yasar ermordet wurde und das zweite Mal in München, sechs Tage später, als Theodoros Boulgarides erschossen wurde.“

„Moment einmal, woher weiß man das jetzt auf einmal?“

„Der erste Teil der Frage ist leicht zu beantworten: Das Diensthandy von Jürgen S. war fest mit dem Geldtransporter verbunden und dieses hat sich jeweils in eine Funkzelle nahe der Tatorte eingeloggt. Aufgrund einer Funkzellenabfrage sind diese Daten ins Schleppnetz geraten. Der zweite Teil deiner Frage bleibt im Dunklen. Das geht aus den Ermittlungsakten hervor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) „vorliegen“. Normalerweise bekommt man keine Ermittlungsakten zu Gesicht, nur wenn es irgendwelche „Beteiligten“ wollen, wenn Du verstehst, was ich meine.“

„Zugangsberechtigte, also Personen, die Akteneinsicht haben, sind Rechtsanwälte und alle, die mit den Ermittlungen zu tun haben. Aber warum tauchten diese Indizien nicht im Prozess in München auf?“

„Das kann ich Dir nicht sagen. Aber ich kann noch einen Knaller draufsetzen: Jürgen S. hat Andreas Temme ein Alibi für den 9. September 2000 gegeben. Das war der Tag, an dem der Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg-Langwasser mit fünf Schüssen ermordet wurde. Jürgen S. gab an, Andreas Temme wäre zur fraglichen Zeit bei ihm gewesen. Na, was sagst Du dazu?“

„Zuerst würde ich sagen, dass du dir diese Geschichte aus den Finger gesaugt hast, um mich zu testen …“

„Dann lege ich noch etwas drauf: Die beiden machten zusammen Schießübungen und benutzten dabei einen Revolver der Marke „Rossi“, Modell 27, Kaliber 38 Spezial.“

„Das sagt mir gar nichts.“

„Jetzt vielleicht: Mit einer Waffe dieses Typs wurde in Kassel am 2. Juni 2019 der Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen. Macht es jetzt klick?“

„Na ja, ich versuche es mal: Der Neonazi Stephan Ernst wurde sehr schnell als Haupt- und Einzeltäter verhaftet, auch aufgrund eines Geständnisses, das er jedoch später widerrief. Seit Kurzem liegt von ihm eine zweite Version dieser Mordtat vor. Demnach wollten er und Markus H. dem Regierungspräsidenten „eine Abreibung“ verpassen. Dabei löste sich versehentlich der tödliche Schuss, den Markus H. abgegeben haben soll.“

„Soweit alles richtig.“

„Und bei alledem taucht überall der Geheimdienstmann Andreas Temme auf, ein V-Mann-Führer in Kassel, Beiname „Kleiner Adolf“, dem bis heute alle Beschützer das Label verpasst haben: „Ein Mann, zur falschen Zeit, am falschen Ort“. Nun steht fest, dass er auch mit dem Neonazi Stephan Ernst „dienstlich“ beschäftigt war. Und jetzt kommt noch Jürgen S. dazu, mit dem er den Rockerclub und die Dienstwaffe Marke „Rossi“ teilte. Das Ganze hat Format für eine dick aufgetragene Verschwörungstheorie.“

„Genau davor wird jetzt auch mit Sicherheit gewarnt. Mit diesem Desinfektionsmittel hatte der hessische Innenminister Beuth (CDU) hantiert, als herauskam, dass Andreas Temme mit dem Hauptverdächtigen Stephan Ernst „dienstlich beschäftigt“ war. Anstatt die Fakten, die unter Verschluss gehaltenen Akten auf den Tisch zu legen, warnte er davor, durch haltlose Thesen Verschwörungstheorien zu bedienen‘.“

 

 

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner verlangt Aufklärung. „Es ist genau dieser Punkt, zu dem sowohl in der NSU-Aufklärung als auch im Zusammenhang mit dem Mord an Walter Lübcke hessische wie Bundesbehörden zur Aufklärung beitragen können: Welche Verbindungen gibt es über V-Leute, den Schießsport und die Rockerszene zwischen dem Verfassungsschützer Temme und den Mördern?“, sagte sie dem RND.“ (fr.de vom 10.01.2020)

Man kann es auch konkreter machen. Die sich daraus ergebenden Fragen liegen auf der Hand und die Antworten könnten sehr schnell gefunden werden, wenn es ein Interesse an Aufklärung gäbe:

Jürgen S. lieferte seinem Freund Andreas Temme ein Alibi, das sich auf den 9. September 2000 bezieht, an dem Enver Simsek in Nürnberg laut Ermittlern von NSU-Mitgliedern ermordet wurde. Wann hat also Jürgen S. dieses Alibi gegeben und was war der Grund für Andreas Temme, sich um ein Alibi zu kümmern?

Wenn das Diensthandy des Geldtransporters am 9. Juni 2005 in Nürnberg und am 15. Juni 2005 in München in Tatortnähe eingeloggt war, dann ist doch längst geklärt, ob der Geldtransporter dienstlich unterwegs war bzw. welche Kunden er wann und wo beliefert hatte. Was haben diesbezüglich die Ermittlungen ergeben? Decken sich Einloggdaten mit der Lieferantenroute? Jürgen S. wurde sicherlich dazu befragt: Was haben seine Aussagen ergeben?

Seit 1999 ist Jürgen S. mit Andreas Temme befreundet. Für den Mordtag in Nürnberg 2000 gibt er ihm ein Alibi, ein besonderer Vertrauensbeweis. Was wissen die Ermittler über Jürgen S., als sie Andreas Temme als Tatverdächtigen überwachten und observierten? Aufschluss darüber könnte der Untersuchungsbericht geben, der den Mordfall in Kassel 2006 zum Gegenstand hatte und für 120 Jahre geheim bleiben sollte. Anstatt mögliche Beweismittel aus dem Verkehr zu ziehen, wäre es höchste Zeit, diese zugänglich zu machen. Dazu gehören auch zahlreiche Akten, die immer noch unter Verschluss gehalten werden. Alles andere dient nicht dem „Wohl des Staates“, sondern der Strafvereitelung und Vertuschung.

Wurde Jürgen S. im parlamentarischen Untersuchungsausschuss/PUA Hessen als Zeuge vernommen? Warum wurde das nicht gemacht?

Alles nach Plan

Ich möchte auf einen weiteren „Schatz“ aufmerksam machen, der dabei helfen kann, herauszubekommen, was Andreas Temme, Stephan Ernst, das NSU-Netzwerk, Jürgen S., was die „Kasseler Problematik“ (2006) und der Mord an Walter Lübcke (2019) miteinander zu tun haben.

Nachdem die Polizei herausgefunden hatte, dass es sich um Andreas Temme handelte, der sich am 6. April 2006 im Internetcafé aufgehalten und sich nicht als Zeuge gemeldet hatte, wurden über Wochen seine Telefonanschlüsse überwacht und ausgewertet. Es waren über 200 Telefonate. Trotz der knappen angerissenen Dialoge, von denen man Kenntnis erhalten hat, kann man eines klar sagen: Wenn Andreas Temme ahnunglos in eine Sache hineingesschlittert wäre, dann würden die Dialoge ganz anders aussehen.

Ergänzend sei hinzufügen, dass fast alle Beteiligten wussten bzw. damit rechnen mussten, dass der nun Tatverdächtige Andreas Temme abgehört wird. Wenn man diesen Umstand berücksichtigt, erklären sich auch einige Redewendungen, die später als flapsig oder spaßig deklariert wurden.

Die über 200 Telefonate sind eine Fundgrube für jede ernsthafte Ermittlung: Denn in diesen Wochen haben alle Kontakt mit Andreas Temme aufgenommen, die in diese Angelegenheit verwickelt sind, die sich Sorgen machten, was mit der immer wieder angesprochenen „Kasseler Problematik“ angetippt wurde:

Sein Vorgesetzter vom Landesamt für Verfassungsschutz/LfV in Kassel, der fürsorgliche Coach also „Geheimschutzbeauftragter“ des LfV Hessen, den als V-Mann geführter Neonazi Benjamin Gärtner (GP 389), seine Ehefrau … und sehr wahrscheinlich eben auch jener langjährige Freund Jürgen S., der mit Andreas Temme u. a. die Leidenschaft für Rockerclubs und Sportschützenvereine teilte.

Einige ganz wenige Passagen aus diesen vielen Telefonaten sind bekannt und lassen erahnen, dass es hier um einiges geht, am allerwenigsten um einen Zufall. Wenn man die Bedeutung der Namen kennt, die mit Andreas Temme in Kontakt standen, dann wird schnell klar, dass es sich hierbei um einen illustren Kreis von Paten handelt, die Andreas Temme (und sich selbst) schützen wollen.

Man hörte Gespräche mit seinem Vorgesetzten, mit Frank-Ulrich Fehling, Chef der Außenstelle des LfV Hessen ab. Den Inhalt eines dieser Gespräche gibt die Tageszeitung DIE WELT vom 29.1.2014 wie folgt wieder, wobei die Zeitung den Behördenchef Fehling als ‚Herr F‘ legendierte:

„Das abgehörte Gespräch der beiden Verfassungsschützer klingt nach einer vertraulichen Plauderei unter Freunden. Herr F. spricht am 29. Mai 2006 zu seinem untergebenen V-Mann-Führer Andreas T. über den Mord an Halit Yozgat. Was die beiden nicht wissen: Die Polizei hört jedes Wort mit, da sie Andreas T. als Verdächtigen führt. Verfassungsschützer F. schärft seinem Schützling Andreas T. ein, dass er zu der Situation und dem Verlauf der Ermittlungen der Polizei gegen T. nichts sagen dürfe. Dann sagt er noch, dass es nicht um ihn oder ‚um alle‘ gehe. Es gehe um die ‚Kasseler Problematik‘ und in dieser Problematik ‚sitzt du ja ein bisschen drin, ne?‘, so F. Schließlich spricht F. noch ein Gespräch an, dass Andreas T. mit dem Direktor des Landesamtes für Verfassungsschutz Hessen, Lutz I., geführt habe, und teilt T. anerkennend mit: ‚Und wie du das bei dem I. gemacht hast und hast dich nicht so verhalten, wie mir das gesagt wurde, so restriktiv wie bei der Polizei, also du hast denen alles dargestellt. Ich darf und will es nicht wissen. Ich hoffe, dass es für dich gut ausgeht‘.“

Dazu passt auch folgende Passage:

„Und, äh, es ist alles ruhig, es ist alles, äh, es läuft alles nach Plan und wie es weitergeht, müssen wir mal sehen.“

Oder ein Gespräch mit dem Geheimschutzbeauftragten des LfV Gerald-Hasso Hess:

„Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“

Aber eben auch Gespräche mit seiner Ehefrau. Laut Telefonprotokoll hat sie ihrem Mann gesagt, „willst du nicht mal auf mich hören? Ich sage noch, ne, nimm keine Plastiktüte mit!“ (tagesspiegel.de vom 8.6.2015)

Man kann nicht sagen, dass diese Ehefrau besonders vorsichtig war, als sie gegenüber ihrer Schwester äußerte:

„Interessiert es mich denn, wen der (also ihr Ehemann, d.V.) heute wieder niedergemetzelt hat? Solange er sich die Klamotten nicht schmutzig macht!“

Man kann auch sagen, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm, was dann nicht verwundert, wenn man weiß, dass sich die beiden Ehepartner in punkto Rassismus nichts gaben, also blendend ergänzten.

Wie erkenntnisreich diese abgehörten Telefonate sind, was sie preisgeben und offenlegen können, ist durch eine Manipulation deutlich geworden, auf die Rechtsanwälte der Nebenklage gestoßen sind.

Es ist den Anwälten des ermordeten Halit Yozgat zu verdanken, dass sie nicht nur die verschriftlichten Telefonate auswerteten. Sie ließen sich auch die Originalbänder aushändigen … und stießen auf eine Bemerkung, die der „Kasseler Problematik“ eine klare Kontur verleiht. Dabei geht es um ein am 9. Mai 2006 geführtes Telefonat zwischen Andreas Temme und Herrn Hess, dem bereits erwähnten Geheimdienstbeauftragten des LfV Hessen, gut einen Monat nach dem Mord. In diesem Gespräch führte Herr Hess aus:

„Ich sach ja jedem, äh, wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert: Bitte nicht vorbeifahren! Ja, es ist sch … Ja, wie sieht es bei Ihnen aus, wie fühlen Sie sich?“

Seine Antwort war darauf schlicht: „Mhmm“.

Ganz offensichtlich wusste Andreas Temme sofort, was mit diesen Andeutungen gemeint war, die für Außenstehende vage und mysteriös klingen. Andeutungen, die nur dann verstanden werden können, wenn es ein gemeinsames Wissen gibt. Welche Brisanz diese Passage hat, welches (unterschlagene) Wissen Herr Hess damit ungewollt preisgibt, haben die Anwälte von Halit Yozgat deutlich und klar formuliert:

„Für die Anwälte Thomas Bliwier, Doris Dierbach, Alexander Kienzle und Bilsat Top ergibt sich daraus, dass der Verfassungsschutz ‚zumindest in der Person des Mitarbeiters Temme bereits vor dem Mord an Halit Yozgat über Kenntnisse zu der bevorstehenden Tat verfügte‘. Bei Weitergabe der Erkenntnisse hätte sowohl der Mord an Yozgat wie auch der darauf folgende an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 verhindert werden können, heißt es in einem Beweisantrag.“ (Die Welt vom 22.1.2015)

Dass dieser eine Satz Andreas Temme und sein ganzes Beschützerteam in große Bedrängnis bringen würde, haben auch die ermittelnden Beamten verstanden: Sie unterschlugen diesen Satz in ihrer Verschriftlichung und manipulierten damit ein Beweismittel.

Die Bedeutung dieser Abhörprotokolle bzw. die Orginalbänder dieser Überwachungsmassnahme ist schnell ersichtlich. Dass sich von Kassel 2006 bis zum Mord an Walter Lübcke 2019 eine dicke Spur der Vertuschung, der Unterschlagung, der Irreführung und der Sabotage von Aufklärung zieht, kann man bis ins letzte Detail belegen.

Auf einer Veranstaltung der Hellen Pranke am 15. Januar 2020 „wagte die LNKE-Bundestagsabgeordnete Martina Renner gar die ‚Arbeitshypothese‘, es könnte in Kassel etwas wie eine weitere NSU-Zelle entstanden sein.“ (NSU-Komplex, Zelle Kassel, Friedrich Burschel, ND vom 18./19. Januar 2020)

Wäre es nicht an der Zeit, anstatt wirkungslos um Aufklärung zu betteln einen unabhängigen, öffentlichen Untersuchungsausschuss einzurichten?

Wolf Wetzel

Publiziert auf den NachDenkSeiten am 23. Januar 2020

Die drei Texte zum Mordfall Kassel 2006 finden sich hier:

Der Mord in Kassel 2006 – „betreutes Morden“? Zum zehnjährigen Gedenken an Halit Yozgat

Kassel 2006 – Der Mord an Halit Yozgat und der Zufallsgenerator 

Der Mord in Kassel 2006 ist nicht aufgeklärt – weder juristisch, noch politisch

 

Hinweise/Quellen:

Hängen der Fall Lübcke und die NSU-Mordserie zusammen?

NSU-Komplex, Zelle Kassel. Die Morde an Halit Yozgat und Walter Lübcke dürften enger miteinander verwoben sein als bisher eingestanden, Friedrich Burschel, ND vom 18.01.2020

 

 

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