„Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?“ | Emil Goldmann | Teil I

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Der deutsche Faschismus wurde 1945 zumindest militärisch besiegt. Wie kämpft man heute gegen seine Nachfolger, die mal als Rechtspopulisten, mal  als Nazis bezeichnet werden?

 Der folgende Text und Gastbeitrag wurde ursprünglich direkt nach der Unteilbar-Demonstration geschrieben (13.Oktober 2018), und zuletzt nach den Hessenwahlen überarbeitet (28.10.2018). Der Autor Emil Goldmann, ein ehemaliger Autonomer, versucht fragend die politische Situation heute mit der faschistischen Epoche im 20. Jahrhundert zu vergleichen, und schlägt „nebenbei“ ein kleines historisches Leseprogramm vor. Er kritisiert konkret die Kampagne „Keine AfD in den hessischen Landtag“, und anerkennt die Qualität der Unteilbar-Demonstration, die ihn ermutigt hat nach Jahren wieder zu schreiben. Der Text war fertig, bevor die Causa Maaßen sein Ende gefunden hat, bevor „braune Freikorps“ (Uniter, KSK, MAD) und NSU 2.0 (Polizeinetzwerk) aufgedeckt und Brandanschläge auf linke Projekte verübt wurden – an Aktualität hat der Text trotzdem nichts eingebüßt, die politische Wirklichkeit bestätigt die Fragestellungen des Autors.

Aufmunterung

In den letzten Jahren haben wir zusammen viel darüber geredet: Was hat es mit dem (europa/weltweiten) Rechtsruck auf sich? Wird das mit dem Begriff „Rechtspopulismus“ richtig erfasst?

 

 

Wie bekämpft man den „NSU 1.0“, „NSU 2.0“, ob als parlamentarische Variante oder als Umsturzversion? Wie bekämpft man die AfD?

 

 

Bei einer dieser Gespräche las mir Emil eine Passage aus einem Buch vor: Es ging darum, der NSDAP auf keinen Fall zu glauben, dass sie auf parlamentarischem/legalem Weg an die Macht kommen wolle. Vielmehr trage die faschistische Bewegung den „Bürgerkrieg“, also die terroristische Lösung in sich, da sie andernfalls an ihren eigenen inneren Widersprüchen zugrunde ginge. Der Kampf gegen den Faschismus müsse also außerhalb der Parlamente geführt und gewonnen werden.

Ich bekam Gänsehaut.

„Wann wurde das verfasst?“

„In den 30er Jahren, bevor die NSDAP an die Macht kam.“

„Und wer hat das geschrieben?“

„Leo Trotzki.“

Ich war erstaunt und leicht abgekühlt, denn ich kannte den „Trotzkismus“ nur in seinen deutschen Varianten, aus den 70er Jahren und die waren nicht besonders sympathisch.

„Das Zitat ist spitze, Emil. Aber damit kannst Du schon fast den gesamten Text in die Mülltonne werfen. Denn es gibt genug und viel zu viele, die lesen „Trotzki“ und dann nicht mehr weiter.“

Und genau das ist das Problem. In vielen Debatten, wenn sie denn überhaupt noch geführt werden, geht es nicht darum, was gesagt wird, sondern wer es gesagt hat, was dieser Person anhaftet, was man dieser Person nachsagt.

Da der Text erfreulich und unbeirrt diese Distinktionsgrenzen und Lagerzuordnungen überschreitet und auf Fragen eingeht, die in dieser Selbstbezogenheit ausbleiben, ist der Text wichtig und lang. Er wird in zwei Teilen veröffentlicht.

Wolf Wetzel

 

„Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?“

So betitelte am 8.Dezember 1931 der Bolschewik Leo Trotzki seinen Brief an einen Arbeiter-Kommunisten, der das eigentliche Ziel hatte auf die Kommunistische Partei Deutschlands einzuwirken, deren Kurs Trotzki vehement ablehnte. Trotzki drängte, hinter jedem polemischen Wort, hinter jeder hartnäckigen Warnung ist die Sorge zu spüren, dass bei falscher Strategie, fehlerhafter Analyse und Taktik eine Katastrophe folgen könnte, mit anderen Worten, dass, wenn nicht schnell verhindert würde, dass die Faschisten die Macht ergreifen, der „Point of no return“ (Nicos Poulantzas, Faschismus und Diktatur, 1973) erreicht würde, nach dem ein Kampf unendlich länger und zehnmal schwerer werden würde. Wie schlimm es wirklich kommen würde, konnte er nicht ahnen. Trotzki versuchte gleichzeitig die Politik der SPD, die die bürgerliche Notstandsregierung Brünings als kleineres Übel gegenüber Hitler betrachtete und stützte, und der KPD, die mit der Teilnahme an Hitlers Volksentscheid gegen Brüning letztlich Hitler als kleineres Übel anerkannt hätten, scharf zu kritisieren. Die abstrakte Frage, wer das kleinere Übel ist, Hitler oder Brüning, bezeichnete er als unsinnig, er bezichtigte beiden Parteien der gleichen politischen Dummheit unter umgekehrten Vorzeichen.

Trotzkis Hoffnung war die organisierte Arbeiterinnenklasse, das Millionenheer, das er wie ein Militärführer in den Kampf führen wollte; das einen Block gegen die Faschisten bilden sollte, jeder Betrieb ein antifaschistisches Bollwerk, für eine offensive Strategie: „die Umzingler müssen umzingelt werden!“ Voller Elan und Leidenschaft forderte er mit Nachdruck die antifaschistische Einheitsfront, die praktische Vereinbarung von Kampfzielen, Massenaktionen, wen schlagen, wann schlagen, wie schlagen! Keine gemeinsame Plattform, keine parlamentarischen Abkommen, keine gemeinsame Organisation zwischen KPD und SPD, sondern die praktische Einheitsfront, klar, sachlich, stringent und einsichtig für die Notwendigkeiten des Kampfes. „Eilt, Arbeiterkommunisten, Ihr habt nicht mehr viel Zeit!“ so schloss Leo Trotzki seinen Aufruf.

Was soll dieses zitierte historische Dokument aus der bolschewistischen Antike, ein Menschenalter zurückliegend, aus einem anderen, präfaschistischen Zeitalter, vor Auschwitz, vor dem 2. Weltkrieg, nach der Niederlage des und der Befreiung vom Faschismus, nach Kaltem Krieg, antikolonialen Kämpfen, 68er Bewegung, sozialen Revolten und der Zeit der Autonomie, dem Zusammenbruch der poststalinistischen Mächte, dem scheinbaren Siegeszug des marktradikalen Turbokapitalismus und der nationalen Wettbewerbsstaaten, der Internationalisierung der Arbeitsteilung und der Defragmentierung des Proletariats, der „Bankenkrise“, weltweiten Kriegen und Militärinterventionen einer Weltsicherheitspolitik, nach so vielen gesellschaftlichen Veränderungen seit 1931, welchen Erkenntnisgewinn kann er aktuell liefern? Gehen ähnliche Sorgen, Befürchtungen und Überlegungen wie Trotzki nicht vielen heute durch den Kopf? Eine scheinbar unaufhaltsam wachsende Wahlpartei AfD, mit einem angeschlossenen, geräuschlosen (finanziellen) Hintergrundnetzwerk, zusammen mit einer umso lauteren Online-Verstärkerquerfront, eine „kooperierte“ militante NS-Kameradschafts-Kampfsport-Rechtsrock-Hooliganszene, eine Vielzahl von „Besorgte-Bürger*innen“-Protestkundgebungen; was kommt noch auf uns zu?

Aber: kann heute vom Nationalsozialismus gesprochen werden, ist die AfD eine späte Nachgeburt, die jetzt ihre Maske noch nicht vollständig hat fallen lassen? Hitler beteuerte 1931, er wäre gegen einen Staatsstreich: seine Reden vom friedlichen, demokratischen Weg, so Trotzki, wären jedoch Tarnung: denn je mehr die Nationalsozialisten einer Mehrheit näher kommen würden, je mehr würden sich die Kämpfe ausbreiten, und, wenn man die Führung der Nazis nicht für Dummköpfe halten würde, wäre davon auszugehen, dass sie genau diesen Bürgerkrieg voraussehen müssen und vorbereiten, oder den Weg eines Staatsstreichs skrupellos wählen würden, um einen Bürgerkrieg zu umgehen. Die demokratische bürgerliche Maske – eine Kriegslist, um die Gegner einzuschläfern und zu überraschen.

Sind die vielen Machtergreifungs – Vergeltungs – Vernichtungsfantasien innerhalb des völkischen Lagers (AfD mit knapp 30.000 Mitgliedern – zum Vergleich: die NSDAP hatte Ende 1931 806.000 Mitglieder, 1925 noch 27.000 Mitglieder), Reminiszenzen ans historische Vorbild, oder nur individuelle emotionale Ausbrüche und Größenwahnvorstellungen? Oder drückt sich darin der eigentliche Kern einer „neuen faschistischen Partei“, ihres Vernichtungswillens gegen alle Formen der Solidarität, der Basisdemokratie, der Selbstorganisation, der Autonomie, der Diversität aus?

Der Pyrrhussieg von Chemnitz

In Chemnitz ist passiert, was eigentlich nicht beabsichtigt war: Im Überschwang der eigenen Mobilisierungserfolge, ihres „unaufhaltsamen Höhenflugs“ traten AfD, militante Nationalsozialist*innen, Deklassierte, rassistische Bürger*innen, Nazihooligans und das Netzwerk der Meinungsmacher gemeinsam auf die Straße, sich vollständig im Recht fühlend. Nur notdürftig wurden beim „Trauerzug“ die Sturmtruppenabzeichen und Hakenkreuze unter Blousons verdeckt, die drei Reihen Anzugträger AfD-Funktionäre sollten dem Wut-Mob einen Anstrich bürgerlicher Reputation verleihen, einen dünnen Firnis, wie General Ludendorff an der Spitze des Marsches auf die Feldherrenhalle 1923. „Chemnitz“ hat eine Gegenreaktion ausgelöst, mit der die AfD in der Massivität nicht gerechnet hatte: Sie drohen sich zu übersiegen, wie Giulio Aquila so treffend über die italienischen Faschisten 1921 Mussolini zitierte, der die Gefahr des Übersiegens durch den brutalen Terror der eigenen militanten Geschwader erkannte (Giulio Aquila, Faschismus an der Macht, 1923).

„Chemnitz“ verkörperte einen kleinen Moment den brutalen Faschismus an der Macht, machte ihn sichtbar – jedoch, auch: was verdeckt er? Seit dem Sichtbarwerden einer gesellschaftlichen Bedrohung der Faschisierung distanziert sich die AfD von „den paar Idioten“ und ihren Hitlergrüßen, gebärdet sich demokratisch rechtschaffen, sogar Björn Höcke geht Gauland folgend auf Distanz zur NPD und „Thürgida“, Fleisch von seinem Fleisch. Als hätte Höcke bei Hitler abgeschrieben erklärt er sich ungefragt zum gewaltsamen Umsturz: „Ich will den Sturz der Landes- und Bundesregierung auf demokratischem Weg.“ Der Verfassungsschutzpräsident Maaßen und sein Innenminister Seehofer (in welcher Reihenfolge auch immer) sprangen vergebens mit politischen Nebelkerzen unterstützend bei, die Gefahr ahnend, die der AfD droht. Und die Linke? Tausende stimmten „Alerta, alerta, Antifaschista“ beim Solidaritätskonzert in Chemnitz an, im sozialdemokratischen Vorwärts plädierte Angela Marquardt für die Zusammenarbeit mit der Antifa, im Spiegel stritt Margarete Stokowski unter dem Titel „Es kann nicht genug Antifa geben“ für den Widerstand gegen rechts, doch wo war „die Antifa“, die plötzlich so ungewohnt geliebt wird? Was war ihre Einschätzung, ihre Analyse, welchen Vorschlag macht sie zum anstehenden Kampf? Mit welcher Initiative tritt sie in die Öffentlichkeit?

Was tun? Was nicht tun?

In welcher historischen Situation befinden wir uns? Auf welche Kräfte können wir uns stützen? Was tun, Genossinnen und Genossen? Mit dem Faschismus an der Macht und seinen Verbrechen haben sich viele Linke seit den fünfziger Jahren beschäftigt, und ab den neunziger Jahren sehr intensiv auseinandergesetzt: die Holocaustforschung steht dafür exemplarisch. Die Kampagnen gegen IG Farben und zur Entschädigung der Zwangsarbeiter*innen, die Aktionen in Mittenwald gegen die Gebirgsjägertruppe, die Wehrmachtsaustellung Mitte der 90er waren die herausragenden Aktionen, die die Verantwortung der Tätergeneration in den Führungsetagen der Unternehmen, in Behörden, in der Bevölkerung, in der Wehrmacht thematisierten, und das Fortwirken ihrer Leugnung, Tabuisierung, und der Entlastungsstrategien bis in die Gegenwart öffentlich machten.

Mit den Faschismustheorien, dem antifaschistischen Kampf vor der Machtergreifung wurde sich sehr viel weniger auseinandergesetzt: Tasca, Marcuse, Thalheimer, Trotzki, Bauer, Neumann, diejenigen, die versuchten die Fehler der Linken vor dem 2.Weltkrieg aufzuarbeiten, und sich die Frage gestellt hatten, wie der Faschismus geschlagen werden kann, deren Literatur steht in wesentlich weniger Bücherregalen. Einen theoretischen Begriff von Faschisierung zu entwickeln war in den siebziger Jahren noch breiter in der Linken forciert, um dann zwischen der aktuellen Tagespolitik und Tagespolemik immer öfters zu verschwinden. In diesen Texten von aktiven Zeitzeugen ist der heiße Atem der Geschichte zu spüren, das Ringen um den nächsten Schritt, aber auch die Überwältigung vom ungewohnten Gang der Dinge. August Thalheimer zum Beispiel versuchte 1930, sich auf Marx Analyse der Machtergreifung und des Staatsstreichs von Louis Bonaparte 1851 stützend (Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon), das noch nicht Begriffene zu erklären. Insofern war ihre Lage mit heute vergleichbar, und auch wieder nicht; denn wieder ist „alles neu und anders“. Vielleicht können wir lernen, zuerst die richtigen Fragen zu stellen?

Ein historischer Trugschluss des ersten antifaschistischen Kampfes war, dass er ein Kampf um eine (parlamentarische) Mehrheit ist: Weder haben die Kommunisten und Sozialisten die Faschisten in Italien in einer roten Flut von Wahlzetteln ertränken können (so eine Parteiparole von 1921), noch war die SPD unbesiegbar, weil sie sieben Millionen Wähler*innen, noch die KPD, weil sechs Millionen ihr im November 1932 die Stimme gegeben haben. Der Aufstieg der Nationalsozialisten stockte Ende 1932 (sie hatte am 6. November „nur“ noch 33 Prozent erhalten und zwei Millionen Stimmen verloren), was viele in der SPD zu früh frohlocken ließ. Rudolf Hilferding, einer der führenden Theoretiker der Sozialdemokraten, lehnte im Januar 1933 die Einheitsfront mit der KPD ab, und sagte, dass das Hauptziel der SPD der Kampf gegen den Kommunismus wäre. Hitler wäre geschlagen, durch die parlamentarische Legalität blockiert. „Er verspottete Hitlers Versuch diktatorische Machtbefugnisse von Hindenburg zu erhalten: “Ohne die Revolution die Resultate der Revolution zu fordern, diese politische Konstruktion kann nur im Gehirn eines deutschen Politikers entstehen. Hilferding vergaß dabei, dass der italienische Politiker Mussolini genau dieselbe Idee besessen und sie erfolgreich verwirklicht hatte“ (Franz Neumann, Behemoth, 1942, zit. Hilferding, Zwischen den Entscheidungen, Die Gesellschaft, Januar 1933). Am 1.Januar 1933 zog der sozialdemokratische Vorwärts Bilanz unter der Überschrift „Der Weg eines Jahres. Hitlers Aufstieg und Niedergang“: Bei der Hochfinanz, bei der Schwerindustrie und Großgrundbesitz hat der Hitlerismus schon längere Zeit abgewirtschaftet.“ (SPD und Faschismus, Hebel-Kunze, 1977). Nur wenige Tage später musste die SPD ihren völligen Irrtum einräumen, nachdem das Treffen Hitlers mit von Papen im Haus des Bankiers von Schröder vom 4.Januar bekannt wurde, bei dem sich auf den Sturz der Regierung Schleicher und der Regierungsbildung und Kanzlerschaft von Hitler geeinigt wurde – mit anderen Worten hatten sich zwei Interessengruppen aus Banken, Bergbau, Schwerindustrie, Großgrundbesitz, der Chemie- Elektro und Exportindustrie auf ein Arrangement für einen neue starke Regierung geeinigt. Der Faschismus hatte kein unendliches soziales Reservoir, er vereinigte in sich widersprüchliche Tendenzen: er war gezwungen den kalten, legalen Staatsstreich mit Hilfe von Industrie, Agrariern, Wehrmacht, konservativen Politikern und Parteien zu suchen, und hatte trotz Terror, Verhaftungen, Versammlungsverbot, der Außerkraftsetzung von Meinungs-Presse-Vereinigungsfreiheit in der letzten „halbfreien“ Wahl im März 1933 keine absolute parlamentarische Mehrheit erhalten.

Die aktuelle Parole „wir sind mehr“ ist nicht nur trügerisch, weil sie suggeriert, es ginge dem Faschismus tatsächlich um parlamentarische Mehrheiten (und als würde er sich von einer quantitativen Mehrheit beeindrucken lassen), sondern auch, weil sie den antifaschistischen Kampf schon für beendet erklärt, bevor er angefangen hat: wenn wir schon die antifaschistische Mehrheit sind, warum sollen wir dann noch kämpfen? Reicht es da nicht aus einfach „Flagge zu zeigen“?

Wenn vom Rechtspopulismus geredet wird, dann wieder abwechselnd von faschistischer Gefahr, kommt eine niemanden vorzuwerfende Unklarheit zu Tage: Tasca löst die Schwierigkeit in der damaligen Debatte des Diktaturbegriffs (z.B. Dimitroffs Definition als „die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“) so, in dem er sagte: „jeder dieser Definitionen enthält ein mehr oder minder großes Element an Wahrheit; aber keine kann sic et simpliciter akzeptiert werden. Und wir werden uns hüten, eine neue „Definition“ in Umlauf zu setzen, die die richtige zu sein beanspruchte eine „handliche Formel“, die jeder im Notfall parat hat, um alle Zweifel – eigene wie fremde – zu zerstreuen. Den Faschismus definieren, heißt für uns vor allem, seine Geschichte zu schreiben“. (Angelo Tasca, Allgemeine Bedingungen der Entstehung und des Aufstieges des Faschismus, 1936). Bei der Unteilbar-Kundgebung wunderbar zu beobachten, wechselte die Benennung des zu Bezeichnenden von Rednerin zu Redner, manchmal sogar innerhalb einer Rede. Wenn der Rassismus die zentrale Rolle des Antisemitismus übernimmt, ohne dass der dieser abgedankt hat, eine „neue Weltanschauung“ nur die gleichen Schlagworte über die gegnerische Weltanschauung des „Liberalismus“ (vom weichlichen Humanismus und Pazifismus, westlichen Intellektualismus und Individualismus, abstrakter Gleichmacherei, Materialismus, Herbert Marcuse, Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, 1934) gebiert, wie die historische völkische Bewegung, was unterscheidet dann die AfD noch vom Alter Ego? Oder ist die AfD, und in ihr glauben das nicht wenige, einfach eine rechtskonservative Partei, mehr eine Abspaltung der CDU, die zu deren „alten Wesenskern“ zurückkehren will, der unter Merkel verloren gegangen wäre? Also doch „nur rechtes katholisches Zentrum plus Deutschnationale“? Mit diesem „christlich-konservativen Markenkern“ konnte die CDU seit den 2000ern keine Wahlen mehr gewinnen; (erst Recht nicht in deutschen Großstädten), sie gab sich daher ein moderneres, flexibleres „liberales“ Profil, veränderte sich personell und designte sich ein „weltoffenes“ Image.

Vom Kapitalismus reden

„Die Erfahrung hat gelehrt, dass der Faschismus aufkam, als die alle Bereiche erfassende ökonomische Situation geplante Organisation erforderte und als die Herrschenden das Bedürfnis nach einer solchen Planung in ihre Kanäle ableiteten. Sie nahmen die gesamte Gesellschaft unter ihre Kontrolle, nicht um die Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen, denen sie Lippenbekenntnisse entgegenbrachten, sondern um ihre eigenen partikularen Interessen zu befriedigen.“ (Max Horkheimer, The Lessons of Fascism, 1950)

Reden wir also vom Kapitalismus: haben wir eine politische Situation, wie sie Thalheimer mit Berufung auf Marx’ 18. Brumaire beschreibt, dass sich die Bourgeoisie gezwungen sieht, um ihre soziale Herrschaft zu erhalten, ihre politische Macht an den Bonapartismus abzugeben, eine autoritäre Massenbewegung der Deklassierten, die ihre Interessen nicht selbst organisieren, sondern vom starken Staat durchsetzen lassen wollen? Oder sieht die Bourgeoisie die Notwendigkeit ihre Interessen außerhalb eines parlamentarischen Systems zu vollziehen? Sind die Lobbyarbeit, die kurzen Wege mit Beratern aus der Großindustrie in den Ministerien nicht effektiv genug, das rotierende Personal aus der Politik in die Unternehmen und retour, deren enge Symbiose noch nicht direkte Herrschaft genug, als das es noch die Wirtschaftsstäbe eines entdemokratisierten NS-Staats braucht? Benötigt die Bourgeoisie einen Ersatz für die zerfallende Sozialdemokratie, die ihren Zweck erfüllt hat, und den Ast absägt, auf dem sie saß – (manche fallen dann gleich in weiche Sessel bei Aufsichtsräten, Wohnbaugesellschaften, Stiftungen und Behörden) – hat sie in den Grünen noch genug Alternative, oder ist die AfD eine besonders marktradikale parlamentarische Option? Sind die nervösen Schwankungen der Wahlergebnisse alle vier Jahre ein „überflüssiger Stress“ für die Bourgeoisie, genauso überreizend wie der Hochdruck-Puls des Aktien- und Kreditmarktes in Anbetracht eines kalten „Handelskrieges“ und lahmender Zugpferde der Kapitalverwertung – was ist noch eine „sichere Anlage“, wer traut noch dem Mantra ihres beständigen Versprechens, immer bedroht von Klassenkämpfen, Streiks, nationalen Konkurrenzen, Strafzöllen, gesetzlichen Einschränkungen und Auflagen? Kann das, was heute sich als totalitäre Lösung anbietet, das Versprechen sein, diesen Stress der Wahlen, Spekulationen und Risiken zu beenden, die zermürbende Unsicherheit, eine starke Regierung, hemmungslos befreit vom Ballast der Demokratie? Oder hat sich die totalitäre Lösung historisch als ökonomisch ruinös erwiesen, so dass eine Wiederholung nicht mehr erwünscht ist? Im Grunde ist der Faschismus eine Option „des Blocks an der Macht“, oder reicht das Diktat der Zentralbanken aus, um jede alternative Entwicklung wie in Griechenland im Keim zu ersticken?

„Die Wähler zeigen Tendenzen nach links und bringen irgendeine Regierungskoalition an die Macht, die nach ihren Wünschen geformt ist. Kaum hat die Regierung jedoch begonnen, ein zaghaftes Programm sozialer Reformen zu entwickeln, setzt die Vertrauenskrise ein, mitsamt allen bekannten Merkmalen der Wertminderung bei Staatspapieren und dem Export von Gold und ausländischen Währungen. Für die Regierung wird es schwierig auch nur kurzfristige Kredite zu erhalten, und aufgrund der Wertminderung ihrer langfristigen Kredite gerät der deus ex machina – die neue langfristige Anleihe oder die Umrechnung der Zinssätze – außer Reichweite. Mit Hilfe des Vorsitzenden und der Verwalter der Bank, der die falsche Gruppe bestrafen und bereit sind, die richtige Politikergruppe zu verpflichten wird die Regierung gestürzt, La rente steigt, und alle Reformen sind vergessen.“ (Otto Kirchheimer, Von der Weimarer Republik zum Faschismus, Aufsätze 1928 bis 1941).

Warum eine faschistische Lösung, wenn das Regieren so viel eleganter und geräuschloser ist?

Teil II folgt.

Die eingangs erwähnte Passage aus einem Brief Trotzkis an einen deutschen Arbeiter-Kommunisten (Mitglied der KPD) vom 8. Dezember 1931 lautet im Wortlaut so:

„Hitler beteuert, er sei gegen den Staatsstreich. Um die Demokratie ein für alle Mal zu erdrosseln, will er sozusagen nicht anders als auf demokratischem Wege zur Macht gelangen. Kann man dem ernstlich Glauben schenken?

Gewiß könnten die Faschisten damit rechnen, bei den nächsten Wahlen auf friedlichem Wege die absolute Mehrheit zu erlangen, würden sie diesen Weg vielleicht sogar bevorzugen. In Wirklichkeit aber ist dieser Weg für sie undenkbar. Es ist albern, zu meinen, die Nazis würden unbegrenzt lange Zeit ununterbrochen so wachsen, wie sie jetzt wachsen. Früher oder später müssen sie ihr soziales Reservoir erschöpfen. Der Faschismus vereint in sich so furchtbare Widersprüche, daß der Moment kommen muß, wo die Ebbe die Flut ablöst. Dieser Moment kann eintreten, lange bevor die Faschisten mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigt haben. Halt machen werden sie nicht können, denn sie werden keine Wahl mehr haben. Sie werden gezwungen sein, auf den Umsturz zuzugehen. Aber auch unabhängig davon ist den Faschisten der demokratische Weg abgeschnitten. Das ungeheure Anwachsen der politischen Widersprüche im Lande und die Räuberagitation der Faschisten werden unvermeidlich dazu führen, daß, je näher der Faschismus der Mehrheit kommt, um so mehr sich die Atmosphäre erhitzen wird und um so mehr sich die Zusammenstöße und Kämpfe ausbreiten werden. In dieser Perspektive ist der Bürgerkrieg absolut unvermeidlich. Die Frage der Machtergreifung durch die Faschisten werden folglich nicht Abstimmungen entscheiden, sondern der Bürgerkrieg, den die Faschisten vorbereiten und auslösen.“

Quelle: Leo Trotzki, Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?“, Europäische Verlagsanstalt, 1971, Frankfurt, S. 55/56

http://www.mlwerke.de/tr/1931/311208a.htm

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