Gegen den Strom – und damit gegen diese Zeit

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Gegen den Strom

und damit gegen diese Zeit

Der Film „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson wird als Tragikomödie, als Märchen, als Politsatire angeboten.

Eine Hommage an einen widerständigen Film.

In jedem Fall ist es ein wunderbarer Film, der immer wieder ins Märchenhafte ausweichen muß, um nicht an der Wirklichkeit zu kollapieren. Das ist keine Schwäche dieses Filmes, sondern sein Geheimnis, der Wirklichkeit nicht das letzte Wort zu überlassen.

Im Mittelpunk steht eine etwa 50-jährige Frau, die im „normalen“ Leben Chorleiterin ist und nebenbei und sehr wirksam ein Aluminiumwerk bekämpft, das die Umwelt und ihr Leben vergiftet.

Im Normalfall würde man sie als Terroristin bezeichnen. Denn ihr Kampf, den sie mehr oder weniger alleine führt, ist speziell, also illegal: Anfangs sabotierte sie die Stromleitungen, die zu dem Aluminiumwerk führen. Als das nicht reichte, sprengte sie einen Strommast in die Luft.

Als Werkzeug benutzte sie Pfeil und Bogen, um damit ein Plastikseil über die Stromleitungen zu schießen.

An diesem war ein Stahlseil befestigt, das sie dann über die Stromleitungen zog und somit kurzschloss. Dann zischte und blitzte es. Das Aluminiumwerk war von der Stromversorgung abgeschnitten und mußte bis zur Behebung des Schadens die Produktion einstellen.

Um den Masten in die Luft zu sprengen, benötigte sie – im besten Fall gewerblichen – Sprengstoff. Dafür brach sie ein Depot auf und versorgte sich mit gutem Plastiksprengstoff.

Sie ist mit Herz und Seele bei der Sache. Das merkt man, das läßt einen gar nicht auf böse Gedanken kommen.

Gesucht wurde sie dennoch und erst recht als Terroristin, was dann auch den Einsatz des ganzen Arsenals des isländischen Polizeiapparates erlaubte.

Im Film ist und bleibt sie eine bodenständige und herzliche Chorleiterin, die es mit ihrer Kritik ernst meint und sich mit der Ohnmacht eines wortgewaltigen Protestes nicht abfindet.

Und alles, was in einem Märchen genau so sein darf, wird der Einzelkämpferin zuteil. Ihr kommen zur rechten Zeit genau die Menschen zur Hilfe, die sie braucht, wenn man nicht (ganz) alleine gegen den Rest der Welt untergehen will.

Da ist zum einen ein benachbarter Schafszüchter, der anfangs ziemlich abweisend ist und Zug um Zug zum Mittäter wird, mit einer Selbstverständlichkeit, die man wie Lavendelduft einsaugen möchte. Er leiht ihr sein Auto, ohne damit in etwas hineingezogen zu werden. Beim nächsten Anschlag steht er bereits genau da, wo sie ihn für die letzte Etappe der Flucht dringend braucht. Schließlich gilt es Straßensperren zu überwinden, die sofort nach dem Anschlag eingerichtet wurden. Und als die Protagonistin doch noch festgenommen und inhaftiert wurde, wurde aus dem wortkargen Schafszüchter ein Saboteur. Er legte die Stromversorgung lahm, die auch den Knast einschloss, um so der Eingesperrten zur Flucht zu verhelfen. Dazu waren ein paar Minuten Stromausfall nötig – kein Problem.

Und dann ist da noch ihre Zwillingsschwester. Auch mit ihr geht es märchenhaft zu. Sie war auf einem ziemlich esoterischen Trip und gerade dabei, in einem Ashram in … na wo sonst … Indien ihre innere Ruhe und ihr wahres Ich zu finden. Und als sie sich nicht mehr aus dem Weg gehen konnten, knallte es.

Sie warfen sich gegenseitig vor, das Falsche zu wollen, sich jeweils etwas vorzumachen, sich selbst zu belügen und das je eigene imaginierte Ich zu bewirten.

Was im wirklichen Leben ganz sicher zum Kollaps der Ansichten führt, ist hier nur das Sprungbrett für ein weiteres Märchen, um Unversöhnliches zusammenzubringen, das Innere mit dem Äußeren, das in sich ruhende Ich mit der Unruhe der Welt in Verbindung zu halten.

Die Zwillingsschwester, die eigentlich schon auf dem Sprung ins Ashram war, besucht ihre Schwester im Knast. Als sie im Besuchszimmer „alleine“ sind, geht das Licht aus. Und der Plan auf: Die Kleider im Ashram-Look werden getauscht und als das Licht wieder angeht, bleibt die „Erleuchtete“ im Knast, während die Terroristin als Besucherin den Knast verlässt, um noch ganz kurz ein Kind zu retten, das seine Eltern in der Ukraine verlor.

Wolf Wetzel

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