Wem gehört die Stadt?

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„Frankfurter Häuserkampf: Wem gehört die Stadt?

Die Stadt wollte Hochhäuser ins Westend bauen, Immobilienkäufer Geld verdienen. Deshalb mussten die damaligen Bewohner aus ihren Wohnungen heraus. Doch sie setzten sich zur Wehr – auch mit Gewalt.

Von Lena Onderka | Autorin von Merkurist.de

Was hatte es mit dem Frankfurter Häuserkampf auf sich?

Eine Gruppe von Menschen brach in der Bockenheimer Landstraße 63 Anfang Siebzigerjahre die Haustüren mit einer Brechzange auf. Im leerstehenden Gebäude wurden Matratzen ausgebreitet, an den Außenwänden des Hauses ein Transparent angebracht. „Wir bleiben hier“, stand darauf geschrieben. Das hatten die Besetzer zumindest vor, erzählt Stadtteilhistoriker Norbert Saßmannshausen, der sich mit der Zeit der Protestaktion „Frankfurter Häuserkampf“ beschäftigt. Doch dann kam die Polizei dazwischen.

Es gab einen großen Einsatz der Polizei, der auch blutig war – im Sinne von Verletzten.“ – Norbert Saßmannshausen, Stadtteilhistoriker

Eine Hundertschaft von Polizisten holte die Menschen aus dem besetzten Gebäude. Auch Wasserwerfer kamen zum Einsatz, weiß Saßmannshausen. Einige Häuser weiter kam es 1974 zu dem Höhepunkt des Protests: Vier alte herrschaftliche Häuser wurden geräumt. Mehr als 100 Menschen hatten diese besetzt. Es kam zu einer Straßenschlacht, bei der die Besetzer von gut 1000 solidarischen Frankfurtern unterstützt wurden. „Es gab einen großen Einsatz der Polizei, der auch blutig war – im Sinne von Verletzten“, sagt der Stadtteilhistoriker.

Aus Wohnhäusern werden Büro-Hochhäuser

Doch der Grund für die Auseinandersetzung schien dies in den Augen der Beteiligten zu rechtfertigen. Schließlich “verteidigten sie ihr Zuhause, das Stadt und Immobilienmakler ihnen wegnehmen wollten. „Die regierende SPD wollte das großbürgerliche Westend für Banken und Versicherungen frei machen“, erinnert sich Publizist Wolf Wetzel, der als junger Erwachsener selbst als Aktivist Teil der Protestbewegung war, wenn auch überwiegend in Offenbach, seiner Heimatstadt.

Es war vorgesehen, dass Hochhäuser und Tiefgaragen das neue Charakteristikum des Stadtteils werden. Immobilienkäufer begannen zu spekulieren. Sie kauften Häuser auf, um sie dann später abzureißen und die Fläche an einen Investor für ein Hochhaus zu verkaufen, erklärt Saßmannshausen. Während sie darauf warteten, dass ein Investor Interesse zeigt, standen die Häuser leer und die Menschen ohne Wohnung dar. Das wollten sich die Bewohner nicht gefallen lassen.

„Wasserleitungen wurden zerstört, Türen eingebrochen, um Bewohnern zum Wegziehen zu ermutigen.“ – Norbert Saßmannshausen, Stadtteilhistoriker

Mit Briefen, Petitionen und Demonstrationen, auf denen sie schwarze Fahnen in die Luft hielten, die den Tod des Stadtteils darstellen sollten, versuchten sie die Stadt von ihrem Bebauungsplan abzubringen. „Doch sie haben schnell gemerkt, dass sie nicht gehört wurden“, sagt Wetzel. Um sie herum verschlechterte sich der Zustand. „Die Bewohner wurden massiv von einzelnen Immobilienbesitzern unter Druck gesetzt“, weiß auch Saßmannshausen. „Wasserleitungen wurden zerstört, Türen eingebrochen, um Bewohnern zum Wegziehen zu ermutigen.“ Zudem wurden die Häuser marode, da aktiv nichts mehr an ihnen repariert wurde.

Studenten und Migranten schließen sich an

Zu diesem Zeitpunkt schloss sich die Sechzigerjahre-Studentenbewegung den Protesten an. Sie warfen die Frage „Wem gehört die Stadt?“ mit in den Raum. Wenig später kamen migrantische Organisationen dazu, die aus Gastarbeitern bestanden, die nicht nur auf Zeit in maroden Wohnungen im Westend unterkommen, sondern dauerhaft in der Stadt leben wollten. Aus dem anfangs gewaltlosen Protest entwickelten sich Hausbesetzungen heraus.

Wohnen darf keine Ware sein, es ist ein Grundrecht.“ – Wolf Wetzel, Teilnehmer der Protestbewegung und Publizist

„Man war der Meinung, dass man eigentlich dazu legitimiert ist, leerstehende Gebäude zu besetzen – schließlich stünden sie leer und man selbst habe keine Wohnung zum Unterkommen“, sagt Saßmannshausen. Unter den Besetzern waren auch spätere Politikgrößen wie Joschka Fischer und Tom Koenigs. „Wohnen darf keine Ware sein, es ist ein Grundrecht“ lautete damals die Devise, erzählt Wetzel.

 

Erst als Steine geworfen wurden, merkten die Politiker, dass hier ein Problem besteht“, sagt Wetzel weiter. Er weist auf eine Aussage des damaligen Polizeipräsidenten Knut Müller hin: „Ohne diese Krawalle würde es das heutige Westend wie es das heute gibt, nicht geben“, habe dieser in einem Interview einige Jahre nach dem Häuserkampf von sich gegeben. Denn die Demonstranten konnten nicht nur dafür sorgen, dass einzelne Häuser bestehen blieben, sondern die Stadt auch dazubringen, Bockenheim nicht auch in ein Viertel, dass sich durch Hochhäuser und Tiefgaragen prägt, zu verwandeln, berichtet Saßmannshausen.

Heutige Wohnungsmarktsituation kaum beeinflusst

Dennoch erinnert die Situation von vor vierzig Jahren an die aktuellen Probleme der Frankfurter hinsichtlich des Wohnraummangels. „Der Protest hat gar nichts daran geändert, wie Stadtentwicklung betrieben wird“, zeigt sich Wetzel enttäuscht. Und auch Saßmannshausen pflichtet ihm bei: „Die Stadt hat das aktuelle Wohnungsproblem auch erst jetzt richtig als Problem wahrgenommen.“ Dennoch sei die Stadt nicht mehr so naiv wie damals, einfach über die Köpfe der Bürger hinweg einen Stadtteil zu planen, doch sie nehme Proteste der Bürger immer noch sehr langsam wahr.

„Geld darf nicht das einzige Kriterium sein.“ – Wolf Wetzel, Teilnehmer der Protestbewegung und Publizist

Wetzel verärgert dies. Bestimmte Stadtteile seien nur noch für Reiche. Die Stadt könne da dagegen steuern. „Geld darf nicht das einzige Kriterium sein“, fordert Wetzel. Gegenüber den Siebzigerjahren sieht er eine „große Resignation und Hilfslosigkeit“ bei vielen Frankfurtern. Doch ob Hausbesetzungen wie sie beim Häuserkampf durchgeführt wurden heute noch erfolgreich sind, wagt Saßmannshausen zu bezweifeln. Die Polizei sei besser aufgestellt. Fest steht allerdings, dass die Protestbewegung des Frankfurter Häuserkampfs die Frankfurter nicht so geprägt hat, wie es sich vielleicht manche wünschen.“

merkurist.de vom 14.08.2018

https://merkurist.de/frankfurt/protest-frankfurter-haeuserkampf-wem-gehoert-die-stadt_Vq4

 

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